Als Arzt in Khayelitsha
Bernhard Kerschberger bloggt aus Südafrika

Thandiswa, eine tragisches Patientenschicksal

5. Juli 2010

Thandiswa, ein 20 jähriges Mädchen, wurde in einer der Kliniken, in der auch Ärzte ohne Grenzen arbeitet, mit Tuberkulose diagnostiziert. Das war ein großer Schock für sie, aber nicht der letzte.  Tuberkulose ist normalerweise heilbar- die Therapie allerdings langwierig, reich an Nebenwirkungen und dauert mindestens 6 Monate. Thandiswa wurde, wie jeder andere Tuberkulose Patient, auch auf HIV getestet. Leider war der Test positiv, sie hatte auch HIV. Das war fast zu viel für sie, zwei schwerwiegende Erkrankungen zum selben Zeitpunkt zu haben. Es war nicht nur für sie eine Schreckensbotschaft, sondern auch für ihre Geschwister und Eltern. Aber Thandiswas Situation ist nicht hoffnungslos. Die Therapie gegen HIV/AIDS kann Wunder wirken und ein fast normales Leben ermöglichen. Diese Botschaft ermutigte das Mädchen und es schöpfte neue Hoffnung. Thandiswa verstand, sie muss nicht sterben, sie kann noch viele Jahre leben, solange sie nur die Therapie für HIV befolgt. So begann sie die Tuberkulose Behandlung und wurde zugleich in die HIV-Klinik von Ärzte ohne Grenzen überwiesen. Dort werden Patienten auf ihre HIV Therapie vorbereitet und über HIV/AIDS, über die HIV Medikamente und deren Nebenwirkungen informiert. Sie erhalten auch psychologische Unterstützung um mit dem Schock der Diagnose umgehen zu lernen. 2 Wochen später war es dann so weit, Thandiswa konnte ihre HIV Therapie beginnen und musste zur gleichen Zeit auch ihre Tuberkulose Therapie in der Tuberkulose Klinik fortsetzen. Es erschien alles klar und einfach, sie erhielt ihre HIV Medikamente jede Woche in der HIV Klinik, und die Tuberkulose Behandlung in der Tuberkulose Klinik. Die beiden Kliniken waren nicht unter demselben Dach, allerdings auch nicht weit voneinander entfernt. Die Therapien wirkten Wunder! Nach kurzer Zeit fühlte sich Thandiswa bereits besser, sie konnte wieder essen, konnte sogar selbst kochen. Alle waren optimistisch, dass sie wieder gesund wird und ein normales Leben führen kann. Der Arzt in der HIV Klinik hatte HIV unter Kontrolle gebracht, und man war sich gewiss, dass sie ist auf dem besten Weg war von Tuberkulose geheilt zu werden. Doch dann änderte sich plötzlich alles: Thandiswa verlor Gewicht, jede Woche mehr und mehr. Sie hatte wieder Husten, im speziellen nachts, und sie fühlte sich sehr schwach und konnte kaum noch alleine gehen. Das war merkwürdig, denn sie erhielt Therapie sowohl für Tuberkulose als auch HIV. Es schien auch, dass sie die Tuberkulose Medikamente wirklich nahm; Das konnten wir allerdings nicht überprüfen, da sie die Tuberkulose Medikamente in einer anderen Klinik erhielt. Nach 6 Wochen war sie dann so schwach, dass sie in ein Krankenhaus transferiert werden musste. Ein paar Tage später starb Thandiswa dort in den Armen ihrer Eltern.

Wir alle waren erschüttert. Wir konnten nicht verstehen, wie das passieren konnte. Sie hatte doch die bestmögliche Therapie erhalten! Thandiswas Schicksal ließ uns nicht in Ruhe, und so forschten wir nach. Was war geschehen, was war falsch gelaufen? Die HIV Therapie lief gut und Thandiswa kam jede Woche um ihre Medikamente abzuholen. Wir kontaktierten auch die Tuberkulose Klinik. Dort war es allerdings nicht einfach ihre Krankengeschichte ausfindig zu machen. Sie hatte eine andere Patientennummer, und auch der Name half uns anfangs nicht weiter. Nach einigem Suchen fanden wir schließlich ihre Krankenakte. Und dann war es klar: sie hat ihre Tuberkulose Medikamente nicht mehr eingenommen. Sie stoppte die Behandlung bald nachdem sie die HIV Therapie begonnen hatte. Der Grund dafür blieb allerdings unklar: hatte sie nicht verstanden, wie sie die beiden Therapien einnehmen muss, hatte sie Nebenwirkungen verspürt und deswegen die Tuberkulose Behandlung beendet oder gab es andere Gründe. Nach langen Diskussionen war uns aber klar, dass das Hauptproblem war, dass die Tuberkulose und HIV Behandlungen nicht integriert sind. Der HIV Doktor in der HIV Klinik weiß nicht, ob ein Tuberkulose Patient auch seine Therapie verfolgt. In der HIV Patientengeschichte befindet sich keinerlei Information darüber, denn die Tuberkulose Medikamente werden ja in einer anderen Klinik eingenommen. Wir zogen den Schluss, dass Thandiswa sterben musste, weil die beiden Krankheiten nicht von ein und demselben Arzt in derselben Gesundheitseinrichtung behandelt wurden.

Und genau das ist einer der Hauptgründe, warum Ärzte ohne Grenzen hier in Khayelitsha arbeitet. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, die Behandlung von Tuberkulose und HIV zu integrieren. Das heißt, im selben Gebäude werden die beiden Krankheiten von ein und demselben Arzt behandelt. Denn wir haben die tragischen Folgen gesehen, wenn Patienten von einer Klinik in die andere transferiert werden und von unterschiedlichen Ärzten und Krankenschwestern behandelt werden. Hier in Khayelitsha sind noch nicht all Kliniken integriert, aber wir arbeiten hart daran, dass Tuberkulose und HIV Integration überall ermöglicht wird. Unser Ziel ist es, dass Tuberkulose und HIV Integration bald in ganz Khayelitsha Realität ist. Und es ist klar, Integration hätte Thandiswas  Leben gerettet.

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Eine Masern-Epidemie in Khayelitsha

7. April 2010

Plötzlich war sie da! Es hat langsam angefangen, zu Beginn gab es nur ein paar vereinzelte Fälle von Masern in Südafrika. Doch es hat nicht lange gedauert, bis wir auch in Khayelitsha den ersten Masernfall hatten. Dann ging es schnell, ein Fall folgte dem anderen. Bis dato haben wir fast 600 Masern-Patienten in Khayelitsha behandelt, es gibt mehr als 1500 Fälle im Distrikt von Kapstadt.

Mit Masern ist nicht zu spaßen. Oft beginnt es mit roten Augen und einem Schnupfen, und nach ein paar Tagen bekommt man dann den typischen Hautausschlag. Masern ist eine gefährliche Krankheit, speziell für Kinder, und wahrscheinlich noch gefährlicher für Kinder, die mit HIV infiziert sind. Und tatsächlich, wir hatten bereits den ersten Todesfall. In anderen Afrikanischen Ländern ist Masern bei Kindern sogar ein Risikofaktor für Unterernährung.

Bereits beim ersten Masernfall muss man sofort reagieren; und  man muss schnell handeln, denn es bleibt nicht viel Zeit. Sobald eine Erkrankung gemeldet wird, versucht unser Youth Officer die Familien im Umfeld zu kontaktieren, um festzustellen, ob andere Kinder oder Erwachsene betroffen sind. Auf alle Fälle muss die Familie des Patienten in einer Gesundheitseinrichtung in Khayelitsha vorstellig werden. Kranke werden auf Masern untersucht und jene, die nicht erkrankt sind, aber engen Kontakt mit einem der Masernfälle hatten, werden sofort geimpft. Impfung ist die einzig wirkungsvolle Methode, diese Epidemie zu stoppen.  Derzeit arbeite ich daran, die aktuelle Masernepidemie genauer zu untersuchen und festzustellen, ob die Bewohner von Khayelitsha mehr als andere von dieser Epidemie betroffen sind. Wir wollen herausfinden, ob eine Bevölkerungsgruppe, die überdurchschnittlich von HIV betroffen ist, auch ein größeres Risiko hat an Masern zu erkranken und daran zu sterben. Das betrifft Erwachsene ebenso wie Kinder.

Andere Neuigkeiten: Der internationale Jahresbericht über die weltweiten Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2009 wird im Moment erstellt. Es gibt einen Bericht über das Projekt in Khayelitsha: “Providing HIV/TB Care At The Primary Health Care Level Khayelitsha”, zum Nachlesen unter http://www.msf.org.za/Docs/Khayelitsha/Khayelitsha_Report_2008-2009.pdf

Es hat einige Zeit gedauert, aber das Ergebnis ist umso interessanter. Es ist bemerkenswert, dass dieser Jahresbericht nicht nur für Ärzte ohne Grenzen wichtig ist, sondern auch von anderen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen mit Interesse gelesen wird. Denn Khayelitsha ist tatsächlich ein Vorzeigeprojekt, weil hier neue Wege bei der Behandlung von HIV und Tuberkulose Ko-Infektionen beschritten wurden. Für lange Zeit wurden HIV/AIDS und Tuberkulose Projekte unabhängig voneinander implementiert. Viele HIV Patienten sind aber auch mit Tuberkulose infiziert und mussten deshalb zwei unterschiedliche Gesundheitseinrichtungen besuchen. Das heißt, sie mussten zwei Mal warten, wurden bei zwei verschiedenen Ärzten vorstellig und Untersuchungen wurden oftmals doppelt durchgeführt. Das hat dazu geführt, dass die HIV/AIDS- und Tuberkulose-Therapien oft nicht aufeinander abgestimmt waren. Um diese Probleme zu umgehen, hat man hier in Khayelitsha versucht, die beiden Programme zu einem einzigen zusammenzuführen. Wir nennen das HIV-TB Integration. So wird nun ein Patient mit zwei verschiedenen Erkrankungen von einem Arzt in einer Gesundheitseinrichtung gesehen. Dies führt auf lange Sicht vermutlich auch zu einer besseren Behandlung und längerem Überleben dieser Patienten.

Wichtige politische Persönlichkeiten von SADAC (Southern African Development Community) sind in die Ubuntu Klinik, die bekanntesten HIV/AIDS und Tuberkulose Klinik in Khayelitsha, gekommen, um sich ein Bild zu machen, wie HIV und Tuberkulose Integration in der Praxis aussieht. Dieser Besuch war für die Mitarbeiter der Klinik und für all jene, die dieses Projekt in den letzten Jahren unterstützt haben, von großer Bedeutung. Es hat uns gezeigt, dass der neue Weg, der hier eingeschlagen wurde, im südlichen Afrika Aufmerksamkeit geweckt hat. Und tatsächlich scheint es so, dass die Erfahrungen von Khayelitsha die neue Gesundheitspolitik von Südafrika beeinflusst hat. Der Kampf gegen HIV/AIDS hat nun Priorität in Südafrika. Die Ambitionen sind groß; so hat sich die Regierung zum Ziel gesetzt, bis zu 15 Millionen Menschen bis Juni nächsten Jahres auf HIV zu testen. Es wird dann nicht nur in Gesundheitseinrichtungen getestet, sondern auch in Schulen und an anderen Orten. Darüber hinaus hat man sich für die nächsten 12 Monate vorgenommen, 20.000 Kleinkinder, 66.000 HIV positive Patienten mit Tuberkulose, 56.000 HIV positive Schwangere und 450.000 andere HIV Patienten mit den lebensverlängerten HIV Medikamenten zu versorgen. Und nicht zu vergessen, 923.000 Patienten erhalten bereits HIV Medikamente. Diese Zahlen sind unglaublich und nur schwer vorstellbar. Das entspricht rund einem Siebtel der Österreichischen Bevölkerung!

Bei all der Arbeit brauchen wir aber auch ein bisschen Freizeit: Endlich haben wir es geschafft – Cape Point, oder auch Kap der guten Hoffnung genannt, konnte sich nicht mehr vor unseren Kameras verbergen. Nach einer Woche harter Arbeit war dieser Tagesausflug umso willkommener. Das Kap der guten Hoffnung ist wirklich etwas Besonderes. Es steht wohl auf dem Programm eines jeden Touristen hier in Kapstadt.  Es ist der Ort, wo Atlantik und Indischer Ozean zusammentreffen. Für Jahrhunderte haben die Europäer, versucht dieses Kap zu umrunden, viele scheiterten und mussten ihr Leben lassen. Früher wurde es auch als Kap der Stürme bezeichnet. Und tatsächlich sollen mindesten 23 Schiffe hier als Wrack am Meeresboden liegen. Dieser Ausflug war wirklich gut, um wieder Energie für die nächste Arbeitswoche zu sammeln.

Mobilisierungskampagne in Khayelitsha

„Monthly Pill Box“ für HIV-Medikamente. Foto (c) Mariella Furrer

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Endlich angekommen

12. Februar 2010

Mein dritter Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen führt mich nach Kapstadt in Südafrika und bringt viel Neues für mich. Ich arbeite erstmals als Epidemiologe in einem HIV/AIDS und Tuberkulose Projekt und – nicht zu vergessen – auch die nächste Fußball WM wird hier stattfinden. Südafrika ist ganz anders, als die Länder, in denen Ärzte ohne Grenzen normalerweise agiert: keine Umweltkatastrophen, Hungersnöte oder Bürgerkrieg. Allerdings hat HIV/AIDS hier, wie in kaum einem anderen Land, den Tod gebracht, Familien zerstört und bedroht die Zukunft mehrerer Generationen.

Ich arbeite in Khayelitsha, einem der größten Townships in Kapstadt mit schätzungsweise einer halben Million Einwohner. 20 bis 30% aller Bewohner von Khayelitsha sind mit dem HI-Virus infiziert. Ärzte ohne Grenzen unterstützt die lokalen Gesundheitsbehörden im Kampf gegen diese todbringende Epidemie. So werden derzeit rund 13 000 Patienten mit anti-retroviralen Medikamenten behandelt, davon 1000 Kinder. Das Projekt in Khayelitsha ist die älteste von Ärzte ohne Grenzen geleitete HIV/AIDS Intervention und so ist es für mich eine besondere Herausforderung und ein Privileg hier arbeiten zu dürfen. Zu meinen Hauptaufgaben gehört die Überwachung des Programms und auch die wissenschaftliche Arbeit im Bereich HIV/AIDS. Besonders interessant für mich ist die Arbeit in einem der Youth Centers, wo Jugendliche mit Medikamenten gegen HIV/AIDS und Tuberkulose behandelt werden.

Khayelitsha, mein Arbeitsplatz für die nächsten Monate

Ärzte ohne Grenzen hat in Südafrika auch ein Projekt für Flüchtlinge, die vor allem aus dem Nachbarland Simbabwe kommen. Sie werden oftmals Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch und leben unter erschreckenden Bedingungen. Die Teams in Musina und Johannesburg leisten den Flüchtingen medizinische und humanitäre Hilfe.

In vielen Projekten von Ärzte ohne Grenzen leben die Einsatzmitarbeiter dort, wo sie arbeiten. Man lebt, wo das Leid und der Bedarf nach Hilfe am größten ist. Da es allerdings aus Sicherheitsgründen nicht möglich ist über Nacht in den Townships zu bleiben, wohne ich mit meinen Kollegen, zumeist Ärzten, im Zentrum Kapstadts. Wir teilen uns ein Apartment und so ist das Gemeinschaftsleben recht intensiv. Unter der Woche wechseln wir uns beim Kochen ab und am Wochenende, falls genug Zeit vorhanden ist, organisieren wir den einen oder anderen Ausflug, um auch die schönen Seiten Südafrikas kennenzulernen. Trotz aller Attraktionen dieses Landes bleibt es eine besondere Herausforderung, den großen Kontrast zwischen Khayelitsha und Kapstadt, zwischen Arm und Reich, zu akzeptieren. Die Einwohner Khayelitshas leben zumeist in Wellblechhütten auf engstem Raum zusammengepfercht. Im Gegensatz dazu sieht man im nur 30 Autominuten entfernten Kapstadt die schönsten und größten Häuser, teuersten Autos und die besten Restaurants und Einkaufszentren. Alles was es im Township nicht gibt, kann man auf alle Fälle in Kapstadt finden. Ich habe das Gefühl: Abends lebe ich in „Europa“ und tagsüber arbeite ich in Afrika.

Dann frage ich mich:
Wie werden die Fußballfans, die in wenigen Monaten zur Fußball WM in Südafrika kommen, mit diesem Kontrast zwischen Arm und Reich umgehen?
Kann man die Fußball-WM dazu nuzten, mehr Aufmerksamkeit auf die AIDS-Epidemie und all ihre Folgen zu lenken?
Wollen sich die Fußballfans überhaupt mit diesem Thema auseinandersetzen?
Und werden die Jugendlichen und Kinder mit HIV/AIDS die Fußball WM auch so erleben können wie ich?

In einer großen HIV/AIDS- und TB-Klinik warten Patienten auf ihre Konsultation

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