Eine Masern-Epidemie in Khayelitsha
Plötzlich war sie da! Es hat langsam angefangen, zu Beginn gab es nur ein paar vereinzelte Fälle von Masern in Südafrika. Doch es hat nicht lange gedauert, bis wir auch in Khayelitsha den ersten Masernfall hatten. Dann ging es schnell, ein Fall folgte dem anderen. Bis dato haben wir fast 600 Masern-Patienten in Khayelitsha behandelt, es gibt mehr als 1500 Fälle im Distrikt von Kapstadt.
Mit Masern ist nicht zu spaßen. Oft beginnt es mit roten Augen und einem Schnupfen, und nach ein paar Tagen bekommt man dann den typischen Hautausschlag. Masern ist eine gefährliche Krankheit, speziell für Kinder, und wahrscheinlich noch gefährlicher für Kinder, die mit HIV infiziert sind. Und tatsächlich, wir hatten bereits den ersten Todesfall. In anderen Afrikanischen Ländern ist Masern bei Kindern sogar ein Risikofaktor für Unterernährung.
Bereits beim ersten Masernfall muss man sofort reagieren; und man muss schnell handeln, denn es bleibt nicht viel Zeit. Sobald eine Erkrankung gemeldet wird, versucht unser Youth Officer die Familien im Umfeld zu kontaktieren, um festzustellen, ob andere Kinder oder Erwachsene betroffen sind. Auf alle Fälle muss die Familie des Patienten in einer Gesundheitseinrichtung in Khayelitsha vorstellig werden. Kranke werden auf Masern untersucht und jene, die nicht erkrankt sind, aber engen Kontakt mit einem der Masernfälle hatten, werden sofort geimpft. Impfung ist die einzig wirkungsvolle Methode, diese Epidemie zu stoppen. Derzeit arbeite ich daran, die aktuelle Masernepidemie genauer zu untersuchen und festzustellen, ob die Bewohner von Khayelitsha mehr als andere von dieser Epidemie betroffen sind. Wir wollen herausfinden, ob eine Bevölkerungsgruppe, die überdurchschnittlich von HIV betroffen ist, auch ein größeres Risiko hat an Masern zu erkranken und daran zu sterben. Das betrifft Erwachsene ebenso wie Kinder.
Andere Neuigkeiten: Der internationale Jahresbericht über die weltweiten Aktivitäten von Ärzte ohne Grenzen im Jahr 2009 wird im Moment erstellt. Es gibt einen Bericht über das Projekt in Khayelitsha: “Providing HIV/TB Care At The Primary Health Care Level Khayelitsha”, zum Nachlesen unter http://www.msf.org.za/Docs/Khayelitsha/Khayelitsha_Report_2008-2009.pdf
Es hat einige Zeit gedauert, aber das Ergebnis ist umso interessanter. Es ist bemerkenswert, dass dieser Jahresbericht nicht nur für Ärzte ohne Grenzen wichtig ist, sondern auch von anderen Regierungs- und Nichtregierungsorganisationen mit Interesse gelesen wird. Denn Khayelitsha ist tatsächlich ein Vorzeigeprojekt, weil hier neue Wege bei der Behandlung von HIV und Tuberkulose Ko-Infektionen beschritten wurden. Für lange Zeit wurden HIV/AIDS und Tuberkulose Projekte unabhängig voneinander implementiert. Viele HIV Patienten sind aber auch mit Tuberkulose infiziert und mussten deshalb zwei unterschiedliche Gesundheitseinrichtungen besuchen. Das heißt, sie mussten zwei Mal warten, wurden bei zwei verschiedenen Ärzten vorstellig und Untersuchungen wurden oftmals doppelt durchgeführt. Das hat dazu geführt, dass die HIV/AIDS- und Tuberkulose-Therapien oft nicht aufeinander abgestimmt waren. Um diese Probleme zu umgehen, hat man hier in Khayelitsha versucht, die beiden Programme zu einem einzigen zusammenzuführen. Wir nennen das HIV-TB Integration. So wird nun ein Patient mit zwei verschiedenen Erkrankungen von einem Arzt in einer Gesundheitseinrichtung gesehen. Dies führt auf lange Sicht vermutlich auch zu einer besseren Behandlung und längerem Überleben dieser Patienten.
Wichtige politische Persönlichkeiten von SADAC (Southern African Development Community) sind in die Ubuntu Klinik, die bekanntesten HIV/AIDS und Tuberkulose Klinik in Khayelitsha, gekommen, um sich ein Bild zu machen, wie HIV und Tuberkulose Integration in der Praxis aussieht. Dieser Besuch war für die Mitarbeiter der Klinik und für all jene, die dieses Projekt in den letzten Jahren unterstützt haben, von großer Bedeutung. Es hat uns gezeigt, dass der neue Weg, der hier eingeschlagen wurde, im südlichen Afrika Aufmerksamkeit geweckt hat. Und tatsächlich scheint es so, dass die Erfahrungen von Khayelitsha die neue Gesundheitspolitik von Südafrika beeinflusst hat. Der Kampf gegen HIV/AIDS hat nun Priorität in Südafrika. Die Ambitionen sind groß; so hat sich die Regierung zum Ziel gesetzt, bis zu 15 Millionen Menschen bis Juni nächsten Jahres auf HIV zu testen. Es wird dann nicht nur in Gesundheitseinrichtungen getestet, sondern auch in Schulen und an anderen Orten. Darüber hinaus hat man sich für die nächsten 12 Monate vorgenommen, 20.000 Kleinkinder, 66.000 HIV positive Patienten mit Tuberkulose, 56.000 HIV positive Schwangere und 450.000 andere HIV Patienten mit den lebensverlängerten HIV Medikamenten zu versorgen. Und nicht zu vergessen, 923.000 Patienten erhalten bereits HIV Medikamente. Diese Zahlen sind unglaublich und nur schwer vorstellbar. Das entspricht rund einem Siebtel der Österreichischen Bevölkerung!
Bei all der Arbeit brauchen wir aber auch ein bisschen Freizeit: Endlich haben wir es geschafft – Cape Point, oder auch Kap der guten Hoffnung genannt, konnte sich nicht mehr vor unseren Kameras verbergen. Nach einer Woche harter Arbeit war dieser Tagesausflug umso willkommener. Das Kap der guten Hoffnung ist wirklich etwas Besonderes. Es steht wohl auf dem Programm eines jeden Touristen hier in Kapstadt. Es ist der Ort, wo Atlantik und Indischer Ozean zusammentreffen. Für Jahrhunderte haben die Europäer, versucht dieses Kap zu umrunden, viele scheiterten und mussten ihr Leben lassen. Früher wurde es auch als Kap der Stürme bezeichnet. Und tatsächlich sollen mindesten 23 Schiffe hier als Wrack am Meeresboden liegen. Dieser Ausflug war wirklich gut, um wieder Energie für die nächste Arbeitswoche zu sammeln.

Mobilisierungskampagne in Khayelitsha

„Monthly Pill Box“ für HIV-Medikamente. Foto (c) Mariella Furrer

