Thandiswa, ein tragisches Patientenschicksal
Thandiswa, ein 20 jähriges Mädchen, wurde in einer der Kliniken, in der auch Ärzte ohne Grenzen arbeitet, mit Tuberkulose diagnostiziert. Das war ein großer Schock für sie, aber nicht der letzte. Tuberkulose ist normalerweise heilbar- die Therapie allerdings langwierig, reich an Nebenwirkungen und dauert mindestens 6 Monate. Thandiswa wurde, wie jeder andere Tuberkulose Patient, auch auf HIV getestet. Leider war der Test positiv, sie hatte auch HIV. Das war fast zu viel für sie, zwei schwerwiegende Erkrankungen zum selben Zeitpunkt zu haben. Es war nicht nur für sie eine Schreckensbotschaft, sondern auch für ihre Geschwister und Eltern. Aber Thandiswas Situation ist nicht hoffnungslos. Die Therapie gegen HIV/AIDS kann Wunder wirken und ein fast normales Leben ermöglichen. Diese Botschaft ermutigte das Mädchen und es schöpfte neue Hoffnung. Thandiswa verstand, sie muss nicht sterben, sie kann noch viele Jahre leben, solange sie nur die Therapie für HIV befolgt. So begann sie die Tuberkulose Behandlung und wurde zugleich in die HIV-Klinik von Ärzte ohne Grenzen überwiesen. Dort werden Patienten auf ihre HIV Therapie vorbereitet und über HIV/AIDS, über die HIV Medikamente und deren Nebenwirkungen informiert. Sie erhalten auch psychologische Unterstützung um mit dem Schock der Diagnose umgehen zu lernen. 2 Wochen später war es dann so weit, Thandiswa konnte ihre HIV Therapie beginnen und musste zur gleichen Zeit auch ihre Tuberkulose Therapie in der Tuberkulose Klinik fortsetzen. Es erschien alles klar und einfach, sie erhielt ihre HIV Medikamente jede Woche in der HIV Klinik, und die Tuberkulose Behandlung in der Tuberkulose Klinik. Die beiden Kliniken waren nicht unter demselben Dach, allerdings auch nicht weit voneinander entfernt. Die Therapien wirkten Wunder! Nach kurzer Zeit fühlte sich Thandiswa bereits besser, sie konnte wieder essen, konnte sogar selbst kochen. Alle waren optimistisch, dass sie wieder gesund wird und ein normales Leben führen kann. Der Arzt in der HIV Klinik hatte HIV unter Kontrolle gebracht, und man war sich gewiss, dass sie ist auf dem besten Weg war von Tuberkulose geheilt zu werden. Doch dann änderte sich plötzlich alles: Thandiswa verlor Gewicht, jede Woche mehr und mehr. Sie hatte wieder Husten, im speziellen nachts, und sie fühlte sich sehr schwach und konnte kaum noch alleine gehen. Das war merkwürdig, denn sie erhielt Therapie sowohl für Tuberkulose als auch HIV. Es schien auch, dass sie die Tuberkulose Medikamente wirklich nahm; Das konnten wir allerdings nicht überprüfen, da sie die Tuberkulose Medikamente in einer anderen Klinik erhielt. Nach 6 Wochen war sie dann so schwach, dass sie in ein Krankenhaus transferiert werden musste. Ein paar Tage später starb Thandiswa dort in den Armen ihrer Eltern.
Wir alle waren erschüttert. Wir konnten nicht verstehen, wie das passieren konnte. Sie hatte doch die bestmögliche Therapie erhalten! Thandiswas Schicksal ließ uns nicht in Ruhe, und so forschten wir nach. Was war geschehen, was war falsch gelaufen? Die HIV Therapie lief gut und Thandiswa kam jede Woche um ihre Medikamente abzuholen. Wir kontaktierten auch die Tuberkulose Klinik. Dort war es allerdings nicht einfach ihre Krankengeschichte ausfindig zu machen. Sie hatte eine andere Patientennummer, und auch der Name half uns anfangs nicht weiter. Nach einigem Suchen fanden wir schließlich ihre Krankenakte. Und dann war es klar: sie hat ihre Tuberkulose Medikamente nicht mehr eingenommen. Sie stoppte die Behandlung bald nachdem sie die HIV Therapie begonnen hatte. Der Grund dafür blieb allerdings unklar: hatte sie nicht verstanden, wie sie die beiden Therapien einnehmen muss, hatte sie Nebenwirkungen verspürt und deswegen die Tuberkulose Behandlung beendet oder gab es andere Gründe. Nach langen Diskussionen war uns aber klar, dass das Hauptproblem war, dass die Tuberkulose und HIV Behandlungen nicht integriert sind. Der HIV Doktor in der HIV Klinik weiß nicht, ob ein Tuberkulose Patient auch seine Therapie verfolgt. In der HIV Patientengeschichte befindet sich keinerlei Information darüber, denn die Tuberkulose Medikamente werden ja in einer anderen Klinik eingenommen. Wir zogen den Schluss, dass Thandiswa sterben musste, weil die beiden Krankheiten nicht von ein und demselben Arzt in derselben Gesundheitseinrichtung behandelt wurden.
Und genau das ist einer der Hauptgründe, warum Ärzte ohne Grenzen hier in Khayelitsha arbeitet. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, die Behandlung von Tuberkulose und HIV zu integrieren. Das heißt, im selben Gebäude werden die beiden Krankheiten von ein und demselben Arzt behandelt. Denn wir haben die tragischen Folgen gesehen, wenn Patienten von einer Klinik in die andere transferiert werden und von unterschiedlichen Ärzten und Krankenschwestern behandelt werden. Hier in Khayelitsha sind noch nicht all Kliniken integriert, aber wir arbeiten hart daran, dass Tuberkulose und HIV Integration überall ermöglicht wird. Unser Ziel ist es, dass Tuberkulose und HIV Integration bald in ganz Khayelitsha Realität ist. Und es ist klar, Integration hätte Thandiswas Leben gerettet.