25. Februar 2009
Endlich hab ich wieder Gelegenheit, das Team zu begleiten. Wir haben gehört, dass sich etwa eine Stunde nordwestlich von Dungu, an einem Ort mit dem bizarren Namen KK2 (KaKaDeux), viele Vertriebene angesiedelt haben. Wir möchten wissen, wie es dort um die medizinische Versorgung und die sanitäre Situation bestellt ist und uns auch die Ernährungslage der Kinder anschauen. Serge, Audie, der kongolesische Krankenpfleger Patrice und der Übersetzer Jean Bosco und ich machen uns auf den Weg. Mit dabei ist der Presse-Journalist Wieland Schneider, der an einer Reportage über den Terror der LRA arbeitet.
Bevor wir uns auf den Weg machen, holt Serge Erkundigungen ein. Die Straße galt bis vor kurzem noch als relativ unsicher, mittlerweile wird sie aber von Soldaten der FARDC, der kongolesischen Armee, gesichert und gilt als befahrbar. Nach einer Stunde Fahrt durch den Dschungel kommen wir in KK2 an, einer staubigen Ebene, auf der sich zwischen Buschwerk und Bäumen im Laufe der vergangenen Wochen rund 2.000 Menschen niedergelassen haben.
Beim Anblick dieser Ansiedlung fällt mir unsere Ausstellung „Leben auf Flucht“ ein. Dort erklären wir den Besuchern, dass die Menschen sich auf der Flucht zunächst selbst helfen, indem sie aus den Materialien, die sie in der Natur finden, Unterkünfte bauen und aus dem Nichts irgendwie zu überleben versuchen. Dann erst kommen die Hilfsorganisationen und bringen Plastikplanen, Essen, Trinkwasserversorgung und medizinische Hilfe. Nun: KK2 ist ganz offensichtlich noch in der ersten Phase, hierher ist bisher noch überhaupt keine Hilfe gekommen. Unter zusammengebundenem Geäst und Palmdächern haben die Vertriebenen ihr weniges Hab und Gut verstaut, schlafen Babys, spielen Kinder. Manche Familien schlafen sogar noch unter Bäumen – obwohl es mittlerweile fast schon jeden Tag regnet.

Provisorische Kochstelle

Die Lebensmittelvorräte gehen zur Neige
Während Serge und Patrice sich die Gegebenheiten im kleinen Gesundheitszentrum ansehen, lässt Audie sich zeigen, wo die Menschen das Wasser holen und welche Materialen sie zur Verfügung haben. Immerhin, relativ sauberes Wasser gibt es in einer etwa zwei Kilometer entfernten Wasserstelle. Die meisten Vertriebenen sprechen uns sofort auf den Mangel an Nahrung an. Bis jetzt essen sie Palmnüsse, aus denen man sonst vor allem Öl gewinnt, Süßkartoffeln, die sie in der Umgebung finden oder Maniok, das ihnen die Bewohner des benachbarten Dorfes schenken. Töpfe und Wasserkanister müssen von den Familien geteilt werden, denn nicht alle konnten diese Gegenstände auf der Flucht mitnehmen. Überall werden wir eingeladen, einen Blick in die Töpfe zu werfen, die auf den Feuerstellen vor den Hütten stehen. Mehr als eine Handvoll Süßkartoffel oder Palmnüsse sind in kaum einem drin. Manche zeigen uns allerlei Wurzeln und Gewächs, die sie essen, um den Magen voll zu bekommen. „Wenn wir das nicht essen, bleibt uns nur noch die bloße Erde“, sagt eine Frau zu unserem Übersetzer.

Das kleine Gesundheitszentrum von "KaKaDeux"
Mittlerweile haben Serge und Fabrice ein paar Helfer darin geschult, Kinder mit dem MUAC-Band zu messen, eine schnelle und zuverlässige Möglichkeit, schwere Unterernährung festzustellen. Es spricht sich schnell herum, dass wir da sind und viele Frauen bringen ihre Kinder zum Screening. Zum Glück zeigen die allermeisten Kinder noch keine Anzeichen von Mangel- oder Unterernährung, ein Zeichen, dass die Menschen hier bis jetzt immer noch genug zusammengetragen konnten. Aber wir wissen auch, dass die Vorräte jetzt aufgebraucht sind. Da wir als medizinische Organisation mit nur einem kleinen Team, nicht die Ernährung all dieser Menschen übernehmen können, versprechen wir vor allem, auch andere Organisationen von der schlechten Lage hier zu informieren. Glücklicherweise sind auch Partner des Welternährungsprogramms der UNO heute da – sie scheinen eine Verteilung vorzubereiten.
Im kleinen Gesundheitszentrum arbeitet ein Mann, der zwar einen weißen Mantel an hat, aber weder Arzt noch Pfleger ist. Er ist durchaus bemüht, kann aber nicht mehr machen, als Medikamente zu verkaufen. Obwohl wir eigentlich erst die Lage erkunden wollten, beginnt Patrice, unser Pfleger, sofort mit den Konsultationen, denn die Nachricht, dass wir da sind, hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, vor der Klinik warten immer mehr Kranke, manche werden schon auf Motorrädern hergebracht.
Trotz all des Elends schlägt uns vor jeder Hütte, in jeder Familie nur Freundlichkeit entgegen. Niemand hat etwas dagegen, dass wir filmen und fotografieren, wahrscheinlich verbinden die Menschen auch damit die Hoffnung auf Hilfe. Als wir am Nachmittag zurückfahren, kommt uns auf der engen Staubstraße ein Lastwagen entgegen – ein ungewöhnliches Ereignis auf den Fahrten durch den Busch. Beim Vorbeifahren sehen wir, dass es ein Wagen des UN Welternährungsprogramms ist, der Nahrungsmittel bringt. Wir atmen alle erleichtert auf – schon morgen wird es also hoffentlich die erste Verteilung geben. Wir planen, nächste Woche mit einer mobilen Klinik wieder nach KK2 zu kommen.