Congo Calling
Berichte aus dem Nord-Osten der Demokratischen Republik Kongo

Abschied

28. Februar 2009

Zurück in Bunia, das mir jetzt fast wie eine Großstadt erscheint, mit den vielen Motorrädern, UN-Fahrzeugen, Passanten und einer gewissen Aufgeregtheit, die in Dungu völlig fehlt. Mit Susan, der Photographin, hatte ich darüber gescherzt, dass Bunia eigentlich an ein Wild-West-Städtchen erinnert mit seiner staubigen Hauptstraße und den heruntergekommenen Häusern mit steinernem Vorbau.

Und an meinem letzten Tag im Kongo finde ich schließlich auch noch den Berggorilla für meine beiden Buben ;-) Passt in jedem Fall besser ins Kinderzimmer, als ein echter:

Ich vermisse die Abgeschiedenheit, die Ruhe von Dungu – hätte es dort gut länger ausgehalten. Dem tollen Team dort wünsche ich jedenfalls weiterhin einen erfolgreichen und sicheren Einsatz. Für die Menschen in Haut Uélé, die uns so viel Herzlichkeit und Offenheit entgegenbringen, hoffe ich, dass die Gewalt in ihrer Heimat endlich ein Ende findet.

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Vertriebenenlager KK2

25. Februar 2009

Endlich hab ich wieder Gelegenheit, das Team zu begleiten. Wir haben gehört, dass sich etwa eine Stunde nordwestlich von Dungu, an einem Ort mit dem bizarren Namen KK2 (KaKaDeux), viele Vertriebene angesiedelt haben. Wir möchten wissen, wie es dort um die medizinische Versorgung und die sanitäre Situation bestellt ist und uns auch die Ernährungslage der Kinder anschauen. Serge, Audie, der kongolesische Krankenpfleger Patrice und der Übersetzer Jean Bosco und ich machen uns auf den Weg. Mit dabei ist der Presse-Journalist Wieland Schneider, der an einer Reportage über den Terror der LRA arbeitet.

Bevor wir uns auf den Weg machen, holt Serge Erkundigungen ein. Die Straße galt bis vor kurzem noch als relativ unsicher, mittlerweile wird sie aber von Soldaten der FARDC, der kongolesischen Armee, gesichert und gilt als befahrbar. Nach einer Stunde Fahrt durch den Dschungel kommen wir in KK2 an, einer staubigen Ebene, auf der sich zwischen Buschwerk und Bäumen im Laufe der vergangenen Wochen rund 2.000 Menschen niedergelassen haben.

Beim Anblick dieser Ansiedlung fällt mir unsere Ausstellung „Leben auf Flucht“ ein. Dort erklären wir den Besuchern, dass die Menschen sich auf der Flucht zunächst selbst helfen, indem sie aus den Materialien, die sie in der Natur finden, Unterkünfte bauen und aus dem Nichts irgendwie zu überleben versuchen. Dann erst kommen die Hilfsorganisationen und bringen Plastikplanen, Essen, Trinkwasserversorgung und medizinische Hilfe. Nun: KK2 ist ganz offensichtlich noch in der ersten Phase, hierher ist bisher noch überhaupt keine Hilfe gekommen. Unter zusammengebundenem Geäst und Palmdächern haben die Vertriebenen ihr weniges Hab und Gut verstaut, schlafen Babys, spielen Kinder. Manche Familien schlafen sogar noch unter Bäumen – obwohl es mittlerweile fast schon jeden Tag regnet.

Provisorische Unterkunft

Provisorische Kochstelle

Die Lebensmittelvorräte gehen zur Neige

Die Lebensmittelvorräte gehen zur Neige

Während Serge und Patrice sich die Gegebenheiten im kleinen Gesundheitszentrum ansehen, lässt Audie sich zeigen, wo die Menschen das Wasser holen und welche Materialen sie zur Verfügung haben. Immerhin, relativ sauberes Wasser gibt es in einer etwa zwei Kilometer entfernten Wasserstelle. Die meisten Vertriebenen sprechen uns sofort auf den Mangel an Nahrung an. Bis jetzt essen sie Palmnüsse, aus denen man sonst vor allem Öl gewinnt, Süßkartoffeln, die sie in der Umgebung finden oder Maniok, das ihnen die Bewohner des benachbarten Dorfes schenken. Töpfe und Wasserkanister müssen von den Familien geteilt werden, denn nicht alle konnten diese Gegenstände auf der Flucht mitnehmen. Überall werden wir eingeladen, einen  Blick in die Töpfe zu werfen, die auf den Feuerstellen vor den Hütten stehen. Mehr als eine Handvoll Süßkartoffel oder Palmnüsse sind in kaum einem drin. Manche zeigen uns allerlei Wurzeln und Gewächs, die sie essen, um den Magen voll zu bekommen. „Wenn wir das nicht essen, bleibt uns nur noch die bloße Erde“, sagt eine Frau zu unserem Übersetzer.

Das kleine Gesundheitszentrum von "KaKaDeux"

Das kleine Gesundheitszentrum von "KaKaDeux"

Mittlerweile haben Serge und Fabrice ein paar Helfer darin geschult, Kinder mit dem MUAC-Band zu messen, eine schnelle und zuverlässige Möglichkeit, schwere Unterernährung festzustellen. Es spricht sich schnell herum, dass wir da sind und viele Frauen bringen ihre Kinder zum Screening. Zum Glück zeigen die allermeisten Kinder noch keine Anzeichen von Mangel- oder Unterernährung, ein Zeichen, dass die Menschen hier bis jetzt immer noch genug zusammengetragen konnten. Aber wir wissen auch, dass die Vorräte jetzt aufgebraucht sind. Da wir als medizinische Organisation mit nur einem kleinen Team, nicht die Ernährung all dieser Menschen übernehmen können, versprechen wir vor allem, auch andere Organisationen von der schlechten Lage hier zu informieren. Glücklicherweise sind auch Partner des Welternährungsprogramms der UNO heute da – sie scheinen eine Verteilung vorzubereiten.

Im kleinen Gesundheitszentrum arbeitet ein Mann, der zwar einen weißen Mantel an hat, aber weder Arzt noch Pfleger ist. Er ist durchaus bemüht, kann aber nicht mehr machen, als Medikamente zu verkaufen. Obwohl wir eigentlich erst die Lage erkunden wollten, beginnt Patrice, unser Pfleger, sofort mit den Konsultationen, denn die Nachricht, dass wir da sind, hat sich wie ein Lauffeuer verbreitet, vor der Klinik warten immer mehr Kranke,  manche werden schon auf Motorrädern hergebracht.

Trotz all des Elends schlägt uns vor jeder Hütte, in jeder Familie nur Freundlichkeit entgegen. Niemand hat etwas dagegen, dass wir filmen und fotografieren, wahrscheinlich verbinden die Menschen auch damit die Hoffnung auf Hilfe. Als wir am Nachmittag zurückfahren, kommt uns auf der engen Staubstraße ein Lastwagen entgegen – ein ungewöhnliches Ereignis auf den Fahrten durch den Busch. Beim Vorbeifahren sehen wir, dass es ein Wagen des UN Welternährungsprogramms ist, der Nahrungsmittel bringt. Wir atmen alle erleichtert auf – schon morgen wird es also hoffentlich die erste Verteilung geben. Wir planen, nächste Woche mit einer mobilen Klinik wieder nach KK2 zu kommen.

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Alltag und Regen

24. Februar 2009

Eigentlich wollten wir heute nach Faradje fliegen, einem der Orte, die am schlimmsten vom LRA-Terror betroffen waren und wo MSF das Gesundheitszentrum unterstützt. Aber es gibt Probleme mit dem Flugzeug und wir müssen in Dungu bleiben. Auch im Feld gibt es Büroalltag.

Eva und Serge bei der Arbeit im MSF-Büro

Eva und Serge bei der Arbeit im MSF-Büro

Also beschließe ich, meine Nerven zu testen, indem ich versuche, die gesamte Foto-Slideshow – immerhin 24 Fotos – von Dungu nach Wien zu mailen. Dazu begebe ich mich zu den „Frères de l’Instruction Chrétienne“ schräg gegenüber von uns, die einen Raum mit etwa zehn Computern haben und Internetanschluss (in sehr wechselhafter Qualität) für 600 Francs Congolais, also weniger als ein Euro pro Stunde anbieten. Zu meiner Überraschung geht es heute sehr zügig, ich brauche alles in allem nur eine knappe Stunde und die Slideshow mit den Bilder von Susan Schulman ist in Wien :-) – demnächst zu sehen auf www.aerzte-ohne-grenzen.at

Der Raum ist übrigens immer voll, die regelmäßigen Besucher sind ganz offensichtlich viel mehr in Geduld geübt als ich und nehmen es gelassen, wenn zum x-ten Mal die Verbindung zusammenbricht.

Am Abend ziehen dunkle Wolken auf, die Regenzeit beginnt heuer früher als sie sollte (der Klimawandel ist auch in hier im Herzen Afrikas ein Thema). Audie, die kanadische Logistikerin, die Admin Eva und ich beschließen, bevor der Regen kommt, noch schnell einen kleinen Spaziergang zu machen, auf der Straße, die von unserem Missions-Viertel Richtung Zentrum geht. Wie zu erwarten, schaffen wir es nicht mehr rechtzeitig zurück nach Hause und werden klatschnass, obwohl wir noch schnell unter Strohdächern Schutz suchen. Die anderen Fußgänger lachen sich schief über die drei Weißen Frauen, die vergnügt im Regen zu Fuß gehen, obwohl sie doch diese rosa Autos zur Verfügung hätten.

Regenwolken über Dungu

Regenwolken über Dungu

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Mangel

23. Februar 2009

Die Journalisten reisen nacheinander wieder ab, sie haben unglaubliche Bilder gemacht, die hoffentlich dazu beitragen werden, internationale Aufmerksamkeit auf die Krise im Nordosten des Kongo zu lenken. Denn die Gewalt der LRA hält an. Serge, der Koordinator des Projekts, führt Buch über die Attacken und Überfälle, von denen wir zu hören bekommen: Demnach wurden im Februar bis jetzt 15 Dörfer in Haut Uélé überfallen, dazu kommen neun Überfälle auf Einzelpersonen, meist Menschen, die im Busch unterwegs waren, um ihre Felder zu bestellen, oder Essen und andere lebenswichtige Dinge zu besorgen. Insgesamt wurden allein in diesem Monat mindestens 47 Menschen getötet, 22 entführt und 13 verletzt.

Wo immer wir hinkommen, hören wir von den Menschen, dass sie zu wenig zu essen haben. Die Nahrungsmittel gehen zur Neige, viele Vertriebenen haben ja in „Gastfamilien“ Unterschlupf gefunden, jetzt sind die Grundnahrungsmittel teuer geworden und wegen der Unsicherheit, wagen sich die Menschen nicht auf die Felder. Am Markt von Dungu ist nicht viel mehr zu haben als Maniok und ein bisschen Reis.

Knappes Angebot am Markt von Dungu

Knappes Angebot am Markt von Dungu

Noch sehen wir keine alarmierenden Mengen mangelernährter Kinder, aber wenn nicht bald mehr Hilfe kommt, könnte die Lage sich rasch verschlechtern – und bis jetzt läuft die internationale Hilfe nur sehr langsam an.

Die französische Nachrichtenagentur Agence France Presse hat heute eine Presse-Aussendung ausgeschickt, in der Serge sehr ausführlich zitiert wird – immerhin ein schöner Erfolg!

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Wochenende

22. Februar 2009

Am Wochenende ist es etwas ruhiger, das Team verlässt Dungu nicht, macht nur einen Besuch im örtlichen Krankenhaus, wo MSF die Patienten versorgt, die von uns aus den Dörfern hier her überwiesen wurden.

Im Krankenhaus von Dungu

Im Krankenhaus von Dungu

Gearbeitet wird trotzdem, das Team schreibt am wöchentlichen Bericht, ich an meinen Artikeln für die MSF-Websites und am Text für die Foto-Slideshow, die ich aus Susans Fotos zusammenstelle. Am Samstagabend gibt es ein Fest bei „Solidarités“, einer der wenigen anderen NGOs hier. Allerdings ist dort der Generator ausgefallen, es gibt keine Musik und wir sind bald wieder zu Hause.

Kurz zu Dungu und unserem Leben hier: Wie gesagt, die kleine Stadt wirkt friedlich und idyllisch, mit ihren unzähligen strohgedeckten Lehmhütten eingebettet in  hohes grünes Gras und umgeben von Palmen und anderen tropischen Büschen und Bäumen. Abgesehen von den einigen Missionsgebäuden, einer großen Schule gleich neben unserem Haus und einer imposanten „Kathedrale“, gibt nur wenige gemauerte Hauser – alles aus roten Lehmziegeln.

Unser Haus liegt am Rande der Stadt, nahe der kleinen Landepiste und war früher eine Mission, zuletzt von deutschen Ordensschwestern. An den Wänden hängen noch jede Menge Kruzifixe, Heiligenbilder, spirituelle Poster und Kalender mit religiösen Sinnsprüchen aus den 90er-Jahren – noch dazu auf Deutsch. Die Zimmer sind einfach, ein Bett mit Moskitonetz, ein kleines Waschbecken, ein Metallkasten. Ich versuche mir vorzustellen, wie wohl das Leben der Missionarinnen hier war und komme zu dem Schluss, dass ich – rein hypothetisch – auch lieber in Dungu Nonne wäre, als in Deutschland.

Es gibt keine Geschäfte, nur hie und da kleine Verkaufsbuden aus Holz oder Lehn und einen kleinen Markt, auf dem die Lebensmittel durch die prekäre Sicherheitslage knapp und teuer geworden sind. Heute, zum Beispiel, war kein frisches Brot zu haben, weil es in der Stadt kein Mehl mehr gibt. „Brot“ ist aber ohnehin übertrieb, es gibt nur eine Art weiche Weckerl ohne viel Geschmack.

Unser Speiseplan ist also nicht sehr abwechslungsreich: Reis, ein bisschen Fisch oder Fleisch, gebratene Bananen. Avocados, Maracujas und Ananas schmecken unvergleichlich besser als bei uns – doch auch die sind rar. Das einzige, was nie ausgeht, sind die kleinen Bananen – und unsere hochkalorischen Kekse, über die wir uns hermachen, wenn das Essen nicht genug hergibt. Alle sehnen sich nach Joghurt, frischem Salat, Vollkornbrot oder einem Glas Wein. Heute hat Eva, die Tiroler Administratorin des Projekts, gemeinsam mit Hortense, der Köchin, zur Abwechslung köstliche Pizza gebacken – ein richtiges Sonntagsmahl!

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Besuch internationaler Journalisten

20. Februar 2009

Eine Woche nach Abreise feiere ich das Wiedersehen mit meiner Tasche, die Jean, der Pilot, aus Bunia mitgebracht hat. Das Nutellaglas hat die Reise, trotz sorgfältiger Verpackung, nicht überstanden und wandert direkt in den Mistkübel. Ich freue mich über mein eigenes Gewand, obwohl ich mich an die abgelegten, ausgeleierten MSF-T-Shirts eigentlich schon gewöhnt hatte.

Seit gestern haben wir das Haus voll mit Journalisten: ein Kamerateam von France24, Fotografen von Reuters und AFP, die Freelance-Fotografin Susan Schulmann und der „Presse“-Redakteur Wieland Schneider (der Wien-Dungu in der Rekordzeit von zweieinhalb Tagen geschafft hat!).

Weil es MSF ein Anliegen ist, die Krise im Osten des Kongo ins Blickfeld der internationalen Öffentlichkeit zu rücken, unterstützen wir die Journalisten, die es bis hier her schaffen, nach Möglichkeiten. Das MSF-Haus – eine ehemalige Mission von Kanadiern, später von deutschen Schwestern – ist geräumig, so können die Journalisten gegen Kostgeld bei uns wohnen. Das MSF-Team ist sehr tolerant und geduldig mit den vielen „Gästen“, die natürlich auch Unruhe in die intensiven Arbeitstage bringen.

Susan, eine New Yorkerin, die seit vielen Jahren in London lebt und für den „Guardian“ fotografiert, hat das faltbare Trigano-Bett in meinem Zimmer bezogen. Es ist zwar jetzt ein bisschen eng, aber Susan ist unkompliziert und hat einen großartigen Humor – wir lachen viel.

Sie ist heute mit einem Teil des Teams nach Bangadi geflogen, ein Dorf, das seit November Schauplatz von zwei LRA-Massakern war und in dem sich mittlerweile eine Selbstverteidigungs-Miliz formiert hat, die weitere Angriffe abwehren will. Die Männer des Dorfes bauen Gewehre aus Holz, um gegen die LRA gerüstet zu sein. MSF unterstützt auch hier das Spital mit Material und Medikamenten, schaut, ob Patienten evakuiert werden müssen und gibt schnelle Trainings für das Personal. Im Krankenhaus fehlt es buchstäblich an allem, die meisten Patienten haben nicht einmal eine Matratze auf ihrem Bett.

Susan bringt phantastische Fotos mit, die sie mir alle großzügig auf meinen USB-Stick überspielt. Toll! Daraus werde ich eine Foto-Slideshow für unsere Websites zusammenstellen. Ich bewundere sie dafür, wie es ihr gelingt, inmitten des ganzen Elends die Wärme und Zärtlichkeit der Menschen auf ihren Bildern festzuhalten. Diese Fotos haben die Kraft, traurig und wütend zu machen – hoffentlich werden viele Menschen sie zu sehen bekommen! Meine Lieblingsfotos aus der Serie poste ich hier:

Fotos © Susan Schulman

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Klinik auf zwei Rädern

18. Februar 2009

Heute fahre ich mit unserer mobilen Klinik nach Ambitiko – das heißt 18 Kilometer, eine gute Stunde, auf dem Motorrad durch den Busch. Fünf Motorräder sind insgesamt unterwegs, die beiden Clémentines, die kongolesischen Krankenschwestern, zwei Helfer, die Fahrer und ich. Mit wenigen Handgriffen wird zwischen ein paar Lehmmauern unter einem Strohdach die Klinik aufgebaut, unter einem anderen Dach warten die Patienten.

Auf dem Motorrad durch den Busch

Ankunft in Ambitiko

Ankunft in Ambitiko

Wie immer sind viele Mütter mit Kindern da, aber auch einige sehr alte Menschen, im Laufe des Tages kommen auch die Männer. Die Kinder werden gewogen und gemessen, um ihren Ernährungszustand zu ermitteln – jetzt, am Ende der Trockenzeit, gehen in den Dörfern die Vorräte zur Neige. Bei jedem Kind wird der Paracheck, ein Malaria-Test gemacht. Ein kleines Mädchen hat eine tiefe, schwer eiternden Wunde am Bein, notdürftig mit einer schmutzigen Fetzen bedeckt, die gründlich desinfiziert und neu verbunden wird.

In Kürze ist die mobile Klinik aufgebaut

Ich verbringe also den Tag in diesem Dorf, fotografiere und unterhalte mich mit einigen Patienten. Viele von ihnen sind aus anderen Dörfern und haben nach Attacken der LRA hier Zuflucht gesucht. Ich unterhalte mich auch mit dem Dorfchef, der gemeinsam mit seinem Bruder den ganzen Nachmittag das Kommen und Gehen der Patienten beobachtet und sich bei den Wartenden nach Neuigkeiten erkundigt. Die Überfälle der LRA sind Hauptthema, die Menschen sind besorgt, jeder weiß eine andere Geschichte von Überfällen und Entführungen zu berichten.

Der Dorfchef will viel wissen, ab welchem Alter man in Österreich heiraten darf und welches Gemüse dort angebaut wird. Die Lage hier bereitet ihm große Sorgen: „Le peuple congolais souffre beaucoup“ wiederholt er immer wieder mit Blick auf die Menschen, die auf eine medizinische Konsultation warten, „das kongolesische Volk leidet sehr.“

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Doruma

17. Februar 2009

Für Skepsis gegenüber kleinen Fliegern ist es endgültig zu spät. Flug nach Dungu, weit im Nordosten des Kongo. Mit an Bord die beiden Logistiker Xavier und Jan. Unser Carrier ist heute die MAF, wie ich erst an Bord erfahre, eine von protestantischen Missionaren betriebene Fluglinie. Die Piloten sind deutlich älter als beim letzten Flug, das Flugzeug auch, jetzt gibt’s auch nur mehr einen Propeller… Irgendwie anders auch, dass uns der Pilot vor dem Start zum Gebet einlädt: Er dankt für den schönen Tag, bittet den Herrn um einen sicheren Flug und dass die Passagiere mit ihrer Mission Erfolg haben mögen. Bin mir erst nicht sicher, ob ich das beruhigend oder beunruhigend finden soll, kann mich dann aber in dieser „no nonsense“-Atmosphäre doch ganz gut entspannen.

Unter uns breitet sich endloser Dschungel aus, anfangs sind noch da und dort die Strohdächer kleiner Siedlungen und Dörfer zu sehen, bald aber keine Spur mehr von menschlicher Zivilisation. Beim Anblick der dichten Baumdecke fällt mir ein, wie ich erst vor kurzem Philip für den Geographie-Test die verschiedenen Ebenen des tropischen Regenwaldes abgefragt habe (Hallo du, kannst du sie noch??!). Wär toll, wenn man sich da an einem einzigen Punkt hineinversetzen und kurz das Dickicht von unten anschauen könnte. Hier gäb’s wahrscheinlich auch den einen oder anderen Affen, wie meine Buben gern einen hätten.

Dungu. Landung auf Staubpiste. Fast das ganze Team erwartet uns am „Flughafen“ und hilft uns, die Materialen, die wir mit uns gebracht haben, in die Autos zu laden. Unglaublich, dass es die MSF-Logistik geschafft hat, ein paar der rosa Landcruiser bis hierher zu bringen. Dungu macht einen völlig friedlichen, fast idyllischen Eindruck. Aber viel Zeit bleibt mir nicht, mich umzuschauen. Kaum habe ich mein Zimmer bezogen, bietet mir Serge, der Responsable Terrain, also Leiter des Teams hier, an, auf dem Flug nach Doruma mitzukommen, auf dem noch ein Platz frei ist.

Doruma liegt eine knappe Flugstunde nordwestlich von Dungu, wenige Kilometer von der sudanesischen Grenze entfernt und mitten im LRA Gebiet. Das Städtchen selbst gilt als sicher, aber im Umkreis von wenigen  Kilometer kommt es immer wieder zu Überfällen und Entführungen. Unser Team hat begonnen, das kleine Krankenhaus zu unterstützen. Heute fliegen Serge, die zwei Krankenschwestern und die Psychologin des Teams hin, um genauer herauszufinden, welchen Bedarf es dort gibt.

Das Flugzeug, das uns hinbringt ist noch kleiner, diesmal von der kanadischen NGO „Avion Sans Frontières“, Jean aus Quebec der Pilot (älter als alle vorangegangenen). Obwohl wir vorher gewogen werden und Jean uns nach unserem Gewicht die Sitzplätze zuweist, beschließe ich, dass Quebec flugtechnisch extrem vertrauenswürdig klingt und reg mich nicht mehr auf.

In Doruma erwartet uns eine Schar von Kindern an der Landepiste. Im Busch am Rande der Piste stehen einfache Strohhütten dicht aneinandergedrängt. Hier haben sich Vertriebene aus den umliegenden Dörfern niedergelassen. Wir gehen durch den Ort, zum Krankenhaus, das aus vier langgestreckten, um einen weiten Platz angeordneten Ziegelgebäuden besteht.

Am Weg durch Duruma

Am Weg durch Doruma

Das Krankenhaus von Doruma

Das Krankenhaus von Doruma

Ein Chirurg bietet hier derzeit die einzige medizinische Versorgung für eine Bevölkerung von 17.000 Menschen ab. Nach einer kurzen Begrüßung durch die Administratorin, gehen wir alle unseren Aufgaben nach. Laure, die Psychologin, und Corinne, die Krankenschwester aus Kanada, sehen als erstes nach einem jungen Mädchen, das fast ein Monat lang von der LRA gefangen gehalten und schließlich freigelassen wurde. Ihre Mutter sitzt an ihrem Bett, betreten gehen ihre kleinen Schwestern aus dem Krankenzimmer aus und ein. Das Schicksal des Mädchens ist leider traurige Alltäglichkeit in dieser auf den ersten Blick so freundlichen Gegend.

Während unser Team vom Krankenhauspersonal die nötigen Informationen einholt, schlendere ich herum und komme schön langsam mit den Menschen ins Gespräch. Ein Eisbrecher sind wie immer die Kinder. Ich mache einige Fotos, geh es aber langsam an. Muss mich erst auf die Menschen hier und ihre Geschichte einstellen. Beim Rückflug spüre ich große Freude darüber, für MSF arbeiten zu können. Den Menschen, die wir gerade gesehen haben, hilft außer uns wirklich fast niemand. Den humanitären Zirkus, der alle Medien-Krisen begleitet, haben wir hier tatsächlich weit hinter uns gelassen.

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Besuch des “Bon Marché”-Krankenhauses

16. Februar 2009

Der Tag beginnt mit der schlechten Nachricht, dass meine Tasche zwar mittlerweile in Entebbe gelandet ist, aber den MSF-Kollegen, die in derselben Maschine waren, nicht ausgehändigt wurde. Das heißt, dass ich morgen „leicht“ nach Dungu weiterreisen werde. Bin zunächst einmal sehr genervt davon, aber die Sache hat einen Vorteil: Ich muss auf den Markt, wozu ich ja sonst keine Gelegenheit gehabt hätte…Ich werde also Maman Betty anvertraut, die sonst im Büro nach dem Rechten sieht und wir fahren zum Markt. Rucksack bleibt nach strengem Blick von Federica im Büro.

„Shopping in Bunia!“ wird dann aber doch nicht das Vergnügen, das ich mir ausgemalt hatte. Maman Betty führt mich zwar in ein paar „Kosmetik-Läden“, die in einer langen Zeile aus gemauerten Buden neben Kleidungs-, Schuh-, Stoff und Werkzeuggeschäften untergebracht sind. Aber nachdem ich überall auf die Frage nach Haar-Shampoo den gleichen Halbliter-Plastikkanister mit einer braunen Flüssigkeit präsentiert bekomme, beschließe ich, doch lieber in Dungu die Expats anzuschnorren. Zumindest gibt es Zahnpaste + Bürste, die vertrauenserweckend aussehen und mit denen ich die Reisezahnbürste aus dem Flugzeug, die mir Avril hinterlassen hat, ablösen werde.

Es ist extrem dicht auf dem Markt, an ein Herumschlendern wie ich es auf dem Markt von Zinder in Niger so gern gemacht habe, ist nicht zu denken, auch Maman Betty scheint froh zu sein, wenn sie mich aus dem Ganzen wieder draußen hat. Also zurück ins Büro.

Der Markt von Bunia

Der Markt von Bunia

Den Rest des Vormittags lese ich die Unterlagen zu Haut Uélé, die mir Avril auf meinen USB-Stick geladen hat. Die Gräuel, die dort seit gut einem Jahr, in zunehmendem Maße aber seit vergangenem Herbst, vor sich gehen, sind nicht wirklich fassbar: Woche für Woche überfällt die LRA Dörfer im Grenzgebiet von Uganda, dem Südsudan und der Dem. Rep. Kongo und verfolgen dabei eine Politik der verbrannten Erde. Männer, Frauen, Kinder und Säuglinge werden hingemetzelt, vor allem Kinder und Jugendliche auch entführt, die Dörfer niedergebrannt.

Die MSF-Teams, die nach den verheerenden Attacken zu Weihnachten und Neujahr in die betroffenen Dörfer kamen, sahen kaum Überlebende. Die Patienten, die schließlich behandelt wurden, waren von den Milizionären wohl für tot gehalten und deswegen zurückgelassen worden. Es ist nicht vorstellbar, in welchem Terror die Bevölkerung dieser entlegenen Gegend lebt. Ganze Dörfer machen sich auf die Flucht, wenn es heißt, dass die LRA sie ins Visier genommen haben könnte. Aus Mangel an Schutz haben sich mittlerweile in den Dorfgemeinschaften bewaffnete Schutztrupps organisiert.

Das Haupthaus des Bon Marché-Krankenhauses

Das Haupthaus des Bon Marché-Krankenhauses

Am Nachmittag besuche ich noch einmal das Bon Marché. Der Schwerpunkt in diesem von MSF betriebenen Krankenhaus liegt heute auf der Pädiatrie. Ich unterhalte mich lange mit Tom, dem Kinderarzt aus England. Er führt mich durch die einzelnen Pavillons: Es gibt eine Neonatologie, mit einem einfachen Brutkasten, eine Geburtenstation, eine Abteilung für mangelernährte Kinder mit medizinischen Problemen (die „nur“ mangelernährten werden hier von einer anderen NGO versorgt).

Tom, der seit 30 Jahren Kinderarzt ist und in England vor allem mit Kindern mit speziellen Bedürfnissen arbeitet, erzählt mir, dass er anfangs allein von der Zahl der Kinder – 90 oder 100 – in so einem kleinen Krankenhaus überwältigt war. Die medizinischen Probleme aber sind immer wieder ähnlich: Allen voran Malaria, oft kombiniert mit anderen Krankheiten wie Lungenentzündung oder Durchfall. Es ist Toms erster Einsatz und strahlt eine unglaubliche Begeisterung aus. Er sorgt dafür, dass die Kinder, die länger auf der Station sind, Spielzeug bekommen, um angeregt zu werden. Doch das sind die Ausnahmen. Die meisten werden nach wenigen Tagen wieder entlassen – vielleicht nicht so gestärkt, wie sie nach unseren europäischen Standards sein sollten, aber zumindest außer Lebensgefahr.

Tom bei der Visite auf der pädiatrischen Abteilung des Bon Marché-Krankenhauses

Tom bei der Visite auf der pädiatrischen Abteilung des Bon Marché-Krankenhauses

MSF bereitet sich übrigens schon auf die Übergabe des Projekts vor. Die akute Krisensituation ist in Bunia vorbei, für eine Nothilfeorganisation Zeit, sich zurückzuziehen.

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Eindrücke aus Bunia

15. Februar 2009

Sehr ruhiger Tag. Ich wache von Gesängen auf, die aus einer nahegelegenen Kirche kommen. Im  unserem Haus, in dem nur die Mitarbeiter des Noteinsatzes wohnen, sind heute nur Ghislaine aus Montreal und ich. Ghislaine ist gestern von einer mehrtägigen Explo-Mission in den Norden zurückgekommen, sie hat zehn Autostunden auf kongolesischen Straßen hinter sich und ist entsprechend erschöpft. Gemeinsam mit einem Kollegen hat sie erhoben, wie viele Vertriebene sich in verschiedenen Dörfern nahe am Konfliktgebiet befinden, und welchen Bedarf an Hilfe sie haben. Es sind viele, erzählt sie, die meisten haben bei Familien Unterschlupf gefunden, die Situation in diesen schwer erreichbaren Dörfern könnte bald sehr kritisch werden.

Jetzt möchte ich einmal kurz versuchen, Bunia zu beschreiben: Die Stadt liegt inmitten einer üppig bewachsenen Ebene, umgeben von sanften, grünen Hügeln. Die Straßen sind schachbrettartig angelegt und gehen teils steil bergauf und bergab. Keine einzige ist asphaltiert und die meisten sind von tiefen Rinnen und Furchen durchzogen, so dass es einen schon auf der kürzesten Fahrt im Landcruiser ordentlich hin und her schaukelt. Fast alle Autos, die hier auf- und ab kreuzen, sind Fahrzeuge der UN oder von Hilfsorganisationen. Die MSF-Landcruiser sind mit einem breiten rosa Streifen und MSF-Fahnen versehen, um Verwechslungen mit der MONUC und damit Angriffen vorzubeugen. Die meisten Menschen sind entweder mit Motorrädern oder zu Fuß unterwegs.

Die Gebäude sind höchstens einstöckig, die besseren haben blaue oder rote Wellblechdächer, die bunt aus dem dichten Grün der Vegetation hervorleuchten. Im Zentrum gibt es eine belebte Hauptstraße, einige Geschäfte und Tischlerwerkstätten, Kirchen, Vertretungen von UN-Agenturen und NGOs, dazwischen jede Menge kleine Holzbuden in denen vor allem Handywertkarten oder Benzin in Plastikflaschen verkauft werden. Im Grunde wirkt alles sehr geschäftig, sogar friedlich, wären da nicht die MONUC-Stützpunkte an den Verkehrsknotenpunkten, in denen sich die Blauhelme hinter dichten Rollen von Stacheldraht verschanzt haben.

MSF hat das Projekt hier 2003 gestartet, als tausende Vertriebene aus den umliegenden Dörfern in der Stadt Zuflucht gesucht hatten. Damals gab es am Rande von Bunia ein großes Vertriebenenlager, von dem mittlerweile kaum mehr etwas zu sehen ist. 2007 schlug MSF Alarm, weil die kriegerischen Auseinandersetzungen zwar zurückgegangen waren, die Gewalt gegen Zivilpersonen, vor allem gegen Frauen, aber weiterhin dramatisch hoch waren.

Im „Bon Marché“-Krankenhaus, das von MSF ursprünglich für Kriegschirurgie eingerichtet wurde, gibt es deswegen auch eine eigene Abteilung für die „santé de la femme“, die Frauengesundheit. Dort erhalten die Opfer von sexueller Gewalt in möglichst diskreter Umgebung medizinische und psychologische Hilfe.

Den Nachmittag verbringe ich in einem Internetshop und übe mich in Geduld bei wiederholten Stromausfällen und schleichend langsamer Verbindung. Das Senden eines blog-Beitrags dauert da leicht schon einmal länger, als das Schreiben…

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