Weiterreise nach Bunia
Wider Erwarten sitze ich schon wieder am Flughafen von Entebbe. Meine Kollegen hier haben für mich einen Platz auf einem früheren Flug nach Bunia ergattert, Hauptstadt der ostkongolesischen Provinz Ituri, nahe dem Ufer des Lake Albert, und seit langem Einsatzort von MSF. Von dort aus werde ich dann am Dienstag nach Dungu im weiterreisen. Ich bin froh, so schnell ins Feld zu kommen.
Gleichzeitig habe ich Gelegenheit neue Standards für’s „leichte Reisen“ zu setzen, denn meine Tasche mit Kleidung, Waschzeug und Nutellaglas ist gestern in Amsterdam zurückgeblieben. Zum Glück habe ich alle wesentlichen Dinge bei mir, mit dem Rest haben mir die MSF-Kolleginnen in Kampala großzügig ausgeholfen. Ich trage es mit resignierter Routine, denn es ist das fünfte (!) Mal in meinem Leben, dass mein Gepäck verlorengeht, zuletzt erst vergangenen August auf dem Weg nach Amman, zwei Mal davon übrigens für immer. Mein Vertrauen in die internationale Passagierluftfahrt ist endgültig zerrüttet, zumindest was das Handling des Gepäcks angeht.
Gestern Abend gab’s im MSF Haus noch ein Wiedersehen mit Maria, die früher bei uns im Wiener Büro gearbeitet hat und jetzt hier vorübergehend die Finanzen des Kongo-Projekts regelt, und mit meiner kanadischen Kollegin Avril. Mit mir aus Amsterdam ist Maria Teresa gekommen, die in Bunia als Administratorin für das Kongo-Hilfsprogramm arbeiten wird und Maria wiederum aus einem früheren Einsatz in Niger kennt. Wir sitzen noch bei einem Glas Weißwein zusammen und tauschen Neuigkeiten und MSF-Tratsch aus.
Heute in der Früh noch ein schnelles Handover mit Avril: die wichtigsten Infos, ein Handy, das in Dungu relativ nutzlos sein wird, weil es dort kaum Netzempfang gibt und ein kurzes Update über die Journalisten, die im Feld erwartet werden. Obwohl alles recht schnell gehen muss, fühle ich mich halbwegs gut vorbereitet.
Dann allerdings stellt der Flug nach Bunia meine Nerven auf eine harte Probe. Von allen Unannehmlichkeiten, mit denen man bei einem Einsatz wie diesem rechnen muss, bereitet mir das Fliegen mit kleinen Flugzeugen ohnehin den größten Stress. Schon leicht angespannt nehme ich also gemeinsam mit acht weiteren Passagieren in dem Mini-Flieger der kongolesischen Airline TMK Platz. Als der Pilot einsteigt, tausche ich entsetzte Blicke mit den beiden Franzosen, die neben mir sitzen… der Bursche hat zwar eine coole Pilotenbrille, schaut aber aus, als wäre er noch keine zwanzig. Mit Sicherheit ist er jedenfalls um einiges jünger, als das Flugzeug, in dem wir sitzen. Ob der überhaupt schon sein Bac, seine Matura hat, witzelt der eine Franzose und unter den Passagieren geht nervöses Blödeln los: Naja, Erfahrung ist nicht alles im Leben und hey, der gehört zur Nintendo-Generation, der hat das alles sicher schon oft durchgespielt…
Der Pilot spricht mit dem Flughafenpersonal perfektes Englisch, wir gehen alle davon aus, dass er Brite ist, und unsere Kommentare über sein Alter nicht versteht, bis er sich kurz vor dem Start zu uns umdreht und in lupenreinem Französisch und ohne eine Miene zu verziehen sagt „Bienvenus sur le vol à Bunia“ Die Flugzeit wird eine Stunde und fünf Minuten dauern, dieses Flugzeug hat vier Sicherheitsausgänge, danke, dass sie mit TMK fliegen!“ Tatsächlich landen wir eine gute Stunde später sicher, wenn auch gut durchgeschüttelt und mit dem beißenden Geruch von Kerosin in der Nase, in Bunia und der Pilot verabschiedet sich mit einem breiten Grinsen von uns.
Bunia: Auch ein Ort, von dem ich schon so viel gehört habe. Jetzt bin ich also selber hier, sehe die Zelte der MONUC, die grünen Hügel der Umgebung, die Menschen, die in den Straßen des Städtchens ihren Geschäften nachgehen.
Ich werde von einem Fahrer abgeholt und in das Quartier des Emergency-Teams gebracht. Federica, die Administratorin des Programms, gibt mir ein erstes Briefing und am Nachmittag gleich eine Tour durchs Bon Marché Krankenhaus, das von MSF hier vor einigen Jahren aufgebaut und seither betrieben wird. Das Krankenhaus, in dem über 200 Patienten Platz haben, ist wirklich eine beeindruckende Struktur. Mehr darüber morgen.

