Congo Calling
Berichte aus dem Nord-Osten der Demokratischen Republik Kongo

Weiterreise nach Bunia

14. Februar 2009

Wider Erwarten sitze ich schon wieder am Flughafen von Entebbe. Meine Kollegen hier haben für mich einen Platz auf einem früheren Flug nach Bunia ergattert, Hauptstadt der ostkongolesischen Provinz Ituri, nahe dem Ufer des Lake Albert, und seit langem Einsatzort von MSF. Von dort aus werde ich dann am Dienstag nach Dungu im weiterreisen. Ich bin froh, so schnell ins Feld zu kommen.

Gleichzeitig habe ich Gelegenheit neue Standards für’s „leichte Reisen“ zu setzen, denn meine Tasche mit Kleidung, Waschzeug und Nutellaglas ist gestern in Amsterdam zurückgeblieben. Zum Glück habe ich alle wesentlichen Dinge bei mir, mit dem Rest haben mir die MSF-Kolleginnen in Kampala großzügig ausgeholfen. Ich trage es mit resignierter Routine, denn es ist das fünfte (!) Mal in meinem Leben, dass mein Gepäck verlorengeht, zuletzt erst vergangenen August auf dem Weg nach Amman, zwei Mal davon übrigens für immer. Mein Vertrauen in die internationale Passagierluftfahrt ist endgültig zerrüttet, zumindest was das Handling des Gepäcks angeht.

Gestern Abend gab’s im MSF Haus noch ein Wiedersehen mit Maria, die früher bei uns im Wiener Büro gearbeitet hat und jetzt hier vorübergehend die Finanzen des Kongo-Projekts regelt, und mit meiner kanadischen Kollegin Avril. Mit mir aus Amsterdam ist Maria Teresa gekommen, die in Bunia als Administratorin für das Kongo-Hilfsprogramm arbeiten wird und Maria wiederum aus einem früheren Einsatz in Niger kennt. Wir sitzen noch bei einem Glas Weißwein zusammen und tauschen Neuigkeiten und MSF-Tratsch aus.

Heute in der Früh noch ein schnelles Handover mit Avril: die wichtigsten Infos, ein Handy, das in Dungu relativ nutzlos sein wird, weil es dort kaum Netzempfang gibt und ein kurzes Update über die Journalisten, die im Feld erwartet werden. Obwohl alles recht schnell gehen muss, fühle ich mich halbwegs gut vorbereitet.

Dann allerdings stellt der Flug nach Bunia meine Nerven auf eine harte Probe. Von allen Unannehmlichkeiten, mit denen man bei einem Einsatz wie diesem rechnen muss, bereitet mir das Fliegen mit kleinen Flugzeugen ohnehin den größten Stress. Schon leicht angespannt nehme ich also gemeinsam mit acht weiteren Passagieren in dem Mini-Flieger der kongolesischen Airline TMK Platz. Als der Pilot einsteigt, tausche ich entsetzte Blicke mit den beiden Franzosen, die neben mir sitzen… der Bursche hat zwar eine coole Pilotenbrille, schaut aber aus, als wäre er noch keine zwanzig. Mit Sicherheit ist er jedenfalls um einiges jünger, als das Flugzeug, in dem wir sitzen. Ob der überhaupt schon sein Bac, seine Matura hat, witzelt der eine Franzose und unter den Passagieren geht nervöses Blödeln los: Naja, Erfahrung ist nicht alles im Leben und hey, der gehört zur Nintendo-Generation, der hat das alles sicher schon oft durchgespielt…

Der Pilot spricht mit dem Flughafenpersonal perfektes Englisch, wir gehen alle davon aus, dass er Brite ist, und unsere Kommentare über sein Alter nicht versteht, bis er sich kurz vor dem Start zu uns umdreht und in lupenreinem Französisch und ohne eine Miene zu verziehen sagt „Bienvenus sur le vol à Bunia“ Die Flugzeit wird eine Stunde und fünf Minuten dauern, dieses Flugzeug hat vier Sicherheitsausgänge, danke, dass sie mit TMK fliegen!“ Tatsächlich landen wir eine gute Stunde später sicher, wenn auch gut durchgeschüttelt und mit dem beißenden Geruch von Kerosin in der Nase, in Bunia und der Pilot verabschiedet sich mit einem breiten Grinsen von uns.

Bunia: Auch ein Ort, von dem ich schon so viel gehört habe. Jetzt bin ich also selber hier, sehe die Zelte der MONUC, die grünen Hügel der Umgebung, die Menschen, die in den Straßen des Städtchens ihren Geschäften nachgehen.

Ich werde von einem Fahrer abgeholt und in das Quartier des Emergency-Teams gebracht. Federica, die Administratorin des Programms, gibt mir ein erstes Briefing und am Nachmittag gleich eine Tour durchs Bon Marché Krankenhaus, das von MSF hier vor einigen Jahren aufgebaut und seither betrieben wird. Das Krankenhaus, in dem über 200 Patienten Platz haben, ist wirklich eine beeindruckende Struktur. Mehr darüber morgen.

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Amsterdam – Entebbe (Uganda)

13. Februar 2009

Im Flugzeug auf dem Weg von Amsterdam nach Entebbe, die frühere Hauptstadt von Uganda und immer noch Flughafen vom etwa eine Autostunde entfernten Kampala. Bei wolkenlosem Himmel über die Alpen, kurzer Blick auf Genf (im Geiste ein Gruß an die Kollegen im MSF-Headquarter, die mich auf diesen Einsatz schicken) und auf das verschneite Montblanc-Massiv, dann entlang der italienischen Küste, über Sizilien, schließlich Afrika, das endlose Okker der Sahara. Ich mache, was ich im Flugzeug am liebsten tue, nämlich mir die Welt von oben anschauen und freu mich drüber, dass ich innerhalb weniger Stunden den höchsten Berg Europas und die größte Wüste der Erde zu sehen bekomme ;-)

Die KLM knausert auch nicht mit internationalen Zeitungen, ich lese über Obama bei den Stahlarbeitern in der Herald Tribune, über die australischen Brände in El País und eine Reportage über zunehmend dramatische Ernährungslage in Simbabwe im Guardian.

Mittlerweile haben wir den Großteil der Strecke hinter uns und kreuzen gerade den Himmel über dem Sudan. Die Landkarte auf dem Monitor zeigt, dass wir uns östlich von El Fashir und Nyala befinden. Vertraute Namen, obwohl ich selbst noch nie in der Gegend war. Aber seit ich bei MSF arbeite, habe ich unzählige Berichte gehört und gelesen von Kollegen die in den Vertriebenenlagern von Darfur auf Einsatz waren. In dem Gebiet über das ich jetzt fliege, spielt sich eine der größten humanitären Krisen der Gegenwart ab: Rund zwei Millionen Menschen, die durch den blutigen Krieg zwischen Rebellenmilizen und Militär aus ihren Dörfern vertrieben wurden und nun schon seit Jahren entweder in riesigen Vertriebenenlagern, oder in entlegenem, für internationale Hilfe unerreichbarem Gebiet zu überleben versuchen. Der Sudan und die Dem. Rep. Kongo, das Ziel meiner Reise, sind die größten Einsatzgebiete von MSF.

Auf dem achtstündigen Flug komm ich endlich auch dazu, alles zu lesen, was ich mir in den vergangenen Tagen über meinen Einsatzort zusammengesucht habe: MSF-Dokumentation, Briefing-Papiere und Zeitungsberichte. Viel ist es ja nicht gerade, was die Internet-Recherche zu „Haut Uélé und LRA“ ergibt, ein Großteil der Suchergebnisse verweist auf unsere eigenen Berichte, dann noch ein paar Zeitungsmeldungen und Berichte der MONUC, der UN-Friedenstruppe für den Kongo. Nicht gerade viel Aufmerksamkeit, für einen Konflikt, bei dem allein in den vergangenen Wochen und Monaten etwa 900 Zivilisten auf brutalste Weise getötet und über 100.000 aus ihren Dörfern vertrieben wurden.

Immerhin entnehme ich den Presseberichten, dass unsere Botschaft von Anfang Februar gut von den internationalen Medien aufgenommen wurde: Die MONUC, so die scharfe Kritik von MSF, hat den Massakern durch  die  Lord’s Resistance Army tatenlos zugesehen und ist ihrem Auftrag, die Zivilbevölkerung in dem Konfliktgebiet zu schützen, nicht nachgekommen. Die Friedenstruppe hat bei ihren Erkundungsflügen sogar verabsäumt, Schwerverletzte aus den niedergebrannten Dörfern zu evakuieren.

Unsere Botschaft wurde von allen wesentlichen internationalen Medien aufgegriffen, wir rechnen nun mit einem Anstieg des Interesses an der Situation in Haut Uélé. Das ist der Grund, wieso ich nun als Press Officer in den äußersten Nordosten des Kongo unterwegs bin. Ich löse Avril ab, meine Kollegin aus Toronto, die jetzt drei Wochen in Dungu war, und tolle Arbeit geleistet hat. Heute Abend  werde ich sie hoffentlich in Kampala treffen.

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Abreise

12. Februar 2009

Die Tasche ist gepackt, hoffentlich alles drin, MSF-T-Shirts, Taschenlampe, Nutella für’s Team, Laptop und jede Menge Audio-Video-Foto-Appartur. So geht es jetzt also los: Morgen Früh erst über Amsterdam nach Entebbe und Kampala. Nächste Woche dann weiter in den Norden der Demokratischen Republik Kongo, genauer die Provinz Haut Uélé, wo die Rebellen der LRA seit vergangenem November einen blutigen Krieg gegen die Zivilbevölkerung führen. Ein kleines MSF-Team ist in der Stadt Dungu stationiert. Als “emergency press officer” wird es meine Aufgabe sein, die internationalen und kongolesischen Journalisten über den Hilfseinsatz auf dem Laufenden zu halten und diesen gleichzeitig selbst zu dokumentieren.

Ich freu mich drauf, endlich wieder ins Feld zu kommen, was für uns Communications-Menschen ja leider nicht oft möglich ist. Gleichzeitig habe ich doch Respekt vor dem, was auf mich zukommen wird. Gestern habe ich mit meinen beiden Buben noch auf google-earth nach Dungu Ausschau gehalten. Doch während es zu Kampala viele Bilder gibt, zu Bunia – meinem nächsten Zwischenstopp – immerhin eine Handvoll, erstreckt sich dort, wo Dungu liegen dürfte, nur eine endlose dunkelgrüne Fläche. Philip und Benni, die sowieso ihren Spaß an der Vorstellung haben, ich könnte ihnen aus der Gegend doch einen kleinen Berggorilla mitbringen, schien das jedenfalls durchaus plausibel…
Soviel vor der Abreise. Um 6h50 geht’s ab nach Amsterdam.

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