Einsatz in Mosambik
Eindrücke aus Maputo

Hoffnung in Lichinga

17. Juni 2009

Kurz vor meinem Urlaub habe ich unser Projekt in Lichinga besucht. Lichinga ist eine kleine Stadt im Norden des Landes, in der Provinz Niassa. Diese afrikanische Provinz-Stadt liegt 2500 km von der Hauptstadt Maputo entfernt (per Auto in 3 Tagen erreichbar, per Flieger in 3 Stunden..). Sie liegt auf 1300 Meter über Meer an der Grenze zu Malawi, am Niassa See.

Anflug auf Lichinga

Anflug auf Lichinga

Die Administrative Abteilung des Koordinationsteams hat das Projekt in Lichinga im September 2008 das letzte Mal besucht, was sehr lange her ist. Es war mir nicht möglich, in einer Woche alle geplanten Themen zu bearbeiten. Ich hatte etliche kurzfristig angesagte Einzelgespräche mit Mitarbeitern, sowie auch offene Fragen, die seit Monaten unbeantwortet blieben und behandelt werden mussten. In den letzten 9 Monaten hatte sich einiges angestaut. Es war mir deshalb sehr wichtig, für die Mitarbeiter Zeit zu nehmen und mir die Anliegen anzuhören.

Ich habe u.a. kurzfristig ein Meeting mit allen Wächtern einberufen, denn ich erfuhr vor Ort, dass die Wächter seit einiger Zeit beanstandeten, sie würden zu viele Stunden arbeiten und demnach Anrecht auf mehr Gehalt haben. Das hieß, schnell das Mozambikanische Arbeitsrecht genau zu konsultieren, unsere Rahmenbedingungen mit anderen NGOs zu vergleichen, und Rücksprache mit dem Anwalt zu halten, um die rechtlichen Rahmenbedingungen zu klären und die richtige Position bei den Mitarbeitern einnehmen zu können. Alle diese Vorbereitungen kosteten viel Zeit. Ich weiß heute schon, dass ich am Ende meines Einsatzes das Mozambikanische Arbeitsrecht besser kennen werde als das Österreichische oder Schweizerische  ;-)

Unsere Kollegen von MSF in Lichinga

Unsere Kollegen von MSF in Lichinga

Ich lernte endlich unseren Assistenten Pascoal persönlich kennen und konnte intensiv mit ihm arbeiten. Auch die interne „Medical Policy“ für die nationalen Mitarbeiter konnte dem Team vorgestellt werden (ja, der Vertrag mit dem HCM ist unterschrieben :)  )
Auf jeden Fall werde ich bei meinem nächsten Besuch einen Tag für Einzelgespräche der Mitarbeiter einplanen.

MSF ist in Lichinga allgegenwärtig..

MSF ist in Lichinga allgegenwärtig..

Den Freitag Vormittag hatte ich mir reserviert, die Projekte zu besuchen. Anschließend hatte ich die Gelegenheit, mit der italienischen Ärztin Vittoria den kleinen Curai zu besuchen. Curai ist ein 12jähriger Bub, der bei seiner Geburt mit HIV infiziert wurde. Beide Eltern sind an AIDS gestorben. Er hat noch 2 ältere Brüder mit Familien, die aber leider nicht mehr an sein Überleben glauben. Sein junges Leben haengt zu lange schon an einem sehr dünnen Faden.

Unsere Kollegen bemühen sich aus diesem Grund ganz besonders um den Bub, der ihnen ans sehr Herz gewachsen ist. Jeden Tag schaut jemand bei ihm vorbei, entweder einer der Ärzte, ein „Expert Patient“, die Programmleiterin oder ein Krankenpfleger. Vittoria nahm mich dieses Mal mit. Davor kauften wir noch einige Yoghurts für ihn. Curai lebt in einem Außenquartier des Städtchens. Als wir zu Mittag dort ankamen, war nur die Haushälterin da und bereitete das Mittagessen über einem Feuer vor dem Haus vor. Der kleine Curai lag in einem dunklen Raum im Haus, im Bett. Vittoria ging vor und bat ihn, sich etwas anzuziehen, denn es wäre Besuch da. Er war Haut und Knochen, ich erschrak sehr. Es kostete ihn viel Kraft sich im Bett aufzurichten. Vittoria fragte nach seinem Wohlbefinden. Ob ihm der Magen noch schmerze, ob er die Medikamente auch einnehme. Nach Abtasten des Magens stellte sie fest, dass er ein bisschen weniger Magenschmerzen hätte, was er bejahte. Wir baten ihn, doch mit uns für einen kleinen Moment an die Sonne nach draußen zu kommen, nur einen kleinen Moment, doch leider erfolglos. Ein paar wenige Worte über die Lippen zu bringen, kosteten ihn all seine Energien. Seine Stimme war so schwach, dass ich ihn nicht verstehen konnte. Die Besuche der MSF Kollegen sind fuer Curai lebenswichtig, es sind die einzigen Kontakte zur Aussenwelt.

Wir konnten ihn trotzdem ein wenig aufmuntern, indem wir ihm erklärten, dass ich extra wegen ihm nach Lichinga gekommen sei. Denn jeder, der Lichinga besuche, spricht vom berühmten Curai.  Er wäre im ganzen Land bekannt und deshalb war ich hier, um ihn auch persönlich kennen zu lernen. Diese Geschichte hat ein Wunder mit sich gebracht, ein schwaches Lächeln erstrahlte für einen kurzen Moment sein Gesicht.. und die Hoffnung lebt weiter..

"Tag des Kindes" in einem Gesundheitszentrum in Lichinga

"Tag des Kindes" in einem Gesundheitszentrum in Lichinga

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Besuch der Projekte Chamanculo und Alto Maé

25. Mai 2009

Zwei unserer Projekte befinden sich unweit des Koordinations-Büros in Maputo, keine 20 Fahrtminuten entfernt von hier. Das hat den Vorteil, dass unsere Kollegen im Projekt durch die Nähe schnell erreichbar sind und bestimmte Themen schnell behandelt und erledigt werden können. Die Nähe bringt aber auch Nachteile mit sich, denn es besteht die Gefahr, die Besuche nicht genug vorauszuplanen und effizient zu gestalten, wie man es tut, wenn ein Projekt z.B. 1.000 km von der Hauptstadt entfernt ist. Ich habe versucht, nicht in die Falle zu geraten, was mir auch zum Teil gelungen ist. Obwohl ich die Gesundheitszentren schon für zwei Meetings besucht hatte, habe ich mir dieses Mal Zeit genommen, meinen ersten „offiziellen“ Besuch gut zu planen.

Mitarbeitermeeting im Gesundheitszentrum Chamanculo

Mitarbeitermeeting im Gesundheitszentrum Chamanculo

Deshalb hat es auch relativ lange gedauert, bis mein erster Besuch in Chamanculo und Alto Maé endlich stattgefunden hat. Das Hauptziel meines Besuches war die Unterstützung im Administrativen Bereich sowie die Abläufe im Projekt zu verstehen, zu analysieren „wer-macht-was“ im Projekt und „wer-macht-was“ in der Koordination. In der Zeit seit ich in Maputo bin hatte ich feststellen müssen, dass sehr viele Arbeiten von der Administrativen Abteilung in der Koordination erledigt werden, welche meines Erachtens von den Administratoren in den Projekten bearbeitet werden könnten. Die Erarbeitung einer klaren Aufgabenaufteilung zwischen Koordination und Projekt kommt also auch auf meine „To do“ Liste hinzu. Ich schaute unter anderem, ob alle Standardunterlagen im Projekt vorhanden sind, wie die Rekrutierung neuer Mitarbeiter abläuft, wie ist der Prozess bei Disziplinärverfahren, wie sind die Mitarbeiterunterlagen abgelegt, wie regelmäßig werden Mitarbeiterbeurteilungen durchgeführt, etc. Sehr wichtig war mir auch, von den Assistenten zu hören, ob sie mit der Unterstützung der Koordination zufrieden sind sowie Verbesserungsvorschläge mit ihnen zu diskutieren.  Leider musste ich auch erfahren, dass der letzte „offizielle“ Projekt-Besuch der Admin. Abteilung der Koordination (abgesehen von ad’ hoc Meetings) im Juli 2008 stattgefunden hatte, was bei weitem nicht genügend ist.

mit Assistenten Adildeto in Alto Maé

mit Assistenten Adildeto in Alto Maé

Es war mir unter anderem auch ein großes Bedürfnis, die Gesundheitszentren zu besuchen und die Patienten zu spüren, denn als Administratorin sitzt man tagtäglich im Büro und ist sehr weit von den Patienten entfernt.

Die Kanadische Krankenschwester Isabelle hat mich herzlichst in Chamanculo empfangen und mich durch das Gesundheitszentrum geführt, das von Patienten überfüllt war. Viele Patienten kommen zu Fuß von sehr weit her, manche marschieren bis zu 6 Stunden für einen Weg, und nicht zu vergessen dass sie z.T. schwer krank sind. Ich war am meisten berührt von den vielen Müttern mit Kindern, die beim „HIV Testing“ waren. Isabelle hat mir das System der Registrierungen erklärt. Die Kontrolle über die Regelmäßigkeit der Konsultationen ist sehr wichtig. Kommt ein Patient am angegebenen Tag nicht zur Konsultation, wird versucht, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Da die allerwenigsten ein Telefon besitzen, suchen unsere Mitarbeiter – die sogenannten „Conselheiros“ – die Patienten direkt in deren Domizil auf und klären sie über die Wichtigkeit der Regelmäßigkeit auf. Eine der unzähligen Kinderkarten am Stapel wies ein Negativ-Resultat auf! Es herrschte große Freude unter allen Mitarbeitern, denn solch ein Resultat ist in Mosambik, einem der Länder mit den höchsten HIV Positiv-Raten, eine Seltenheit. Babys infizieren sich meist bei der Geburt, und Kaiserschnitte sind hier eine Seltenheit. In der westlichen Welt sind solche Umstände unvorstellbar.

Gesundheitszentrum Alto Maé

Gesundheitszentrum Alto Maé

Ein sehr berührendes Gespräch durfte ich mit unserem „Expert Patient“ Sousa führen. Ich sah ihn das erste Mal letzten November in Wien bei der MSF-Ausstellung „Second Live“ im Leopold-Museum. Damals lernte ich ihn jedoch nicht persönlich kennen, sondern bewunderte ihn auf Fotos und war sehr berührt von den Bildtexten, die sein Leben mit AIDS erläuterten. Nun durfte ich ihn persönlich im Gesundheitszentrum Chamanculo kennen lernen.

Er hat mir seine Geschichte erzählt. Die ersten Symptome sind im 1996 aufgetaucht, als er an Tuberkulose litt. Erst im Jahr 2000 hat er auf Rat eines Arztes von Ärzte ohne Grenzen im Gesundheitszentrum von Chamanculo den Test gemacht, und das Resultat war leider positiv. Sein Leben wurde zum Albtraum, denn Diskrimination war noch höher als sie heute in Mosambik noch immer ist. Zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Antiretrovirale Medikamente (ARV) und in der Gesellschaft war das Wort „HIV“ dem Wort „Tod“ gleichgestellt. Er selber dachte jede Nacht, dass er den nächsten Tag nicht erleben würde. Heute ist Sousa ein starker Mann; er ist „Expert Patient“ und hält jeden Tag um 6.30 einen Vortrag im Gesundheitszentrum Chamanculo. Er erklärt von seiner eigenen Erfahrung und ermuntert die Leute, den Test zu machen. Er ermuntert sie, dass es ein Leben mit AIDS gibt und zeigt ihnen sein eigenes lebendes Beispiel.

Dank Expert Patients wie Sousa wird das Thema AIDS in die Öffentlichkeit gebracht. Er gibt Interviews und führt Vorträge an Schulen und Universitäten durch. Nach der ersten Informations-Veranstaltung, die täglich im Gesundheitszentrum um 6.30 stattfinden, gehen die Patienten zum Testing. Danach werden sie von Psychologen aufgeklärt, was genau Aids ist und wie es behandelt wird. Dank Antiretroviralen Medikamenten (ARV) kann man heute sehr lange mit AIDS leben, vorausgesetzt die Medikamente werden regelmässig und korrekt eingenommen.

Mit Bildern werden die Patienten aufgeklärt:

foto4

Antiretrovirais (ARV) sind Medikamente die verhindern, dass sich das HIV Virus im Körper vervielfacht

In diesem Fall ist die Behandlung nicht erfolgreich, das HIV Virus ist stärker als die Behandlung ARV

In diesem Fall ist die Behandlung nicht erfolgreich, das HIV Virus ist stärker als die Behandlung ARV

Einen in Mosambik entstanden Film zur ARV-Behandlung kann man unter folgendem Link ansehen:
http://www.msf.ch/fileadmin/user_upload/uploads/videos/2008/2008_02_08_seconde_vie/2008_02_07_msf_seconde_vie_04.html

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Computerkurs im Hopital Central

17. Mai 2009

Als medizinische Organisation setzt sich MSF selbstverständlich auch für die Gesundheit der eigenen Mitarbeiter und deren Familienangehörigen ein. Die interne Gesundheitspolitik wird gerade zwischen der medizinischen Koordinatorin und der Administration aktualisiert. Als Referenzspital für unsere Mitarbeiter soll in Zukunft das HCM (Hopital Central de Maputo) unsere 200 nationalen Mitarbeiter sowie deren Familienmitglieder in Krankheitsfällen medizinisch betreuen. Ein Vertrag wurde mit dem Spital schon vor meiner Ankunft in Maputo entworfen. Seit ich in Mozambique bin, versuchte ich, einen Termin mit der verantwortlichen Person im Spital zu vereinbaren, um die letzten Änderungen zu diskutieren. Dies gelang mir endlich vor wenigen Tagen. Voller Zuversicht, den Vertrag noch am selben Tag finalisieren und unterschrieben ins Büro mitnehmen zu können, fuhren meine Kollegin und ich ins Spital und kamen pünktlich zur Verabredung. Die Diskussion verlief reibungslos, der Finanzdirektor war mit unseren Änderungen einverstanden und bat seine Assistentin, den Vertrag gleich zu adaptieren. Alles verlief also ganz nach meinen Vorstellungen.

Panoramablick auf das Hopital Central Maputo

Panoramablick auf das Hopital Central Maputo

Die Assistentin bat uns, mit ihr in ihr Büro mitzugehen, um ihr die Änderungen nochmals zu erklären. Wir folgten ihr gerne. Kaum hatte sie sich an den Schreibtisch gesetzt, verstand ich, dass sie noch nie an einem Computer gearbeitet hatte. Mit „Zweifinger“-System tippte sie auf der Tastatur herum, und brauchte 3 Anläufe um die korrekte Taste zu treffen. Zu zweit standen wir also hinter der Dame und erklärten ihr, wo sich welcher Apostroph und Akzent befindet und welchen man mit „Shift“ und welchen mit „Ctrl/Alt“ oder mit „Insert/Symbols“ findet. Auch erklärte ich ihr wie man Text-Teile durch „Copy/Paste“ nicht zweimal niederschreiben muss. In der portugiesischen Sprache war meine Kollegin Ligia eine sehr gute Lehrerin, sie erklärte ihr wo ein Beistrich hingehört, und wo nicht, und korrigierte sie in der Grammatik. Meine Geduld hing an einem ganz dünnen Faden, denn ich dachte an all die Arbeit die im Büro wartete und es war mir bewusst, dass ich auch an diesem Abend meine erste Yoga Stunde nicht wahrnehmen konnte. Doch die Mitarbeiterin des Spitals hatte einen unglaublichen Willen und wollte alles über Word wissen. Noch dazu bewahrte sie eine unglaubliche Ruhe. Ich bewundert sie und konnte ihr diese Arbeit einfach nicht abnehmen, es weigerte sich etwas in mir, was stärker war als ich..

Diese erste „MSF Computer Stunde“ dauerte 1 Stunde, danach mussten nur noch 2 Exemplare des Vertrages gedruckt werden. Aber oje, nachdem die Druckaufträge ohne Reaktion blieben, stellte ich fest, dass der Drucker nicht konfiguriert war. Also noch eine Zusatzlektion für die Assistentin. Endlich war auch der richtige Drucker konfiguriert. Aber was folgte nun? Wer kennt das Gesetz der Serie nicht? Natürlich entstand gleich beim ersten Druck ein Papierstau…

Endlich endlich hatten wir 2 fehlerfreie neue aktuelle Exemplare des Vertrages in Händen. Was für ein tolles Gefühl! Es fehlte also nur noch die Unterschrift des Verantwortlichen. Stolz ging die Mitarbeiterin mit dem Vertrag ins Büro ihres Chefs. Nach 5 Minuten kam sie mit dem nicht unterschriebenen Vertrag zurück und erklärte uns, dass der Vertrag vom Administrativen Direktor unterschrieben werden müsse, doch leider befände sich dieser gerade auf Urlaub…

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Leben und Tod

11. April 2009

Vor einigen Tagen hatten wir unter unseren Mitarbeitern leider einen Todesfall zu beklagen. Die allgemeinen Beerdigungskosten sind sehr hoch und für Angehörige jeweils eine schwere finanzielle Belastung. Als Arbeitgeber beteiligt sich Ärzte ohne Grenzen maßgebend an den hohen Kosten, und das musste den Familienmitgliedern mitgeteilt werden. Aus diesem Grund fuhr ich mit zwei Kollegen zur Familie. Da habe ich das andere Maputo kennengelernt.

Unsere Mitarbeiterin lebte mit ihren Kindern in einer Blechhütte in einem Armenviertel Maputos. Der Weg dorthin führte abseits der gut asphaltierten Strassen durch ein Labyrinth von Pisten, die von Blechhütten gesäumt sind. Die Bewohner des Viertels waren sehr hilfreich, wir mussten dauernd nach dem Weg fragen. Sie lotsten uns durch die wirren durchlöcherten Wege, und endlich fanden wir die Hütte. Nach mehrmaligem Klopfen und Rufen erfuhren wir von den Nachbarn, dass ihre Kinder bei den Geschwistern der Verstorbenen waren, einige Blocks weiter entfernt. Also ging es weiter mit Fragen, die Wege überfüllt mit Kindern, die uns verfolgten und sichtlich Freude am MSF-Auto hatten. Wir wurden vom ältesten Sohn und von den Brüdern der Verstorbenen empfangen und ins Haus gebeten. Die Frauen waren in einem anderen Raum und waren zu früher Stunde schon mit Kochen beschäftigt, denn die im ganzen Land verstreuten Verwandten waren schon im Anreisen.. Es ist nicht unbedingt der älteste Sohn, der die Geldangelegenheiten regelt. Die engsten Familienmitgliedern entscheiden, wer das Geld empfangen und verwalten soll.

Zwei Tage später fand die Beerdigung statt. Am Eingang des Hauptfriedhofes versammelten sich an die 200 Personen. Unter brütender Sonne wurden Klagelieder gesungen und gebetet, bis die Zeremonienmeisterin kam. Die Trauerprozession setzte sich betend in Gang und zog über die schmalen, erdigen Wege entlang bis ans andere Ende des Friedhofes, wo die Gräber nur mit einem Kreuz und einer Nummer gekennzeichnet sind. Es fanden mehrere Beerdigungen gleichzeitig statt. Wir mussten anderen riesigen Trauerzügen weichen, sodass es auf den engen Wegen fast unmöglich war, nicht über andere Gräber zu gehen. Die Gesänge und Gebete vermischten sich derart untereinander, dass ich manchmal nicht mehr wusste, welcher Trauerprozession ich angehörte.

Am Ende der Zeremonie wurde das Grab mit Erde zugeschüttet. Blumen werden nicht ins Grab geworfen, sondern erst nach dem Zuschütten direkt auf das Grab gesteckt. So entstand ein wunderschönes buntes Blumenbeet. Ich wurde von einem Herrn darauf hingewiesen, die Schlaufen und Maschen unseres Kranzes zu zerreißen. Ich tat dies sogleich, ohne den Grund zu kennen. Danach erst bekam ich die Erklärung: die Straßenkinder stehlen die Kränze und verkaufen sie weiter. Durch die zerrissenen Schlaufen erkennt man, dass der Kranz nicht frisch ist. Als die letzte Blume auf dem Grab steckte, wurde das Beet mit Wasser besprüht. Danach wurde jedem Trauergast aus einem Kanister Wasser auf die Hände gegossen. Durch diese Reinigung wird verhindert, dass die Seele der Verstorbenen durch die Menschen aus dem Friedhof hinausgetragen wird, und dafür gesorgt, dass der Verstorbene in Frieden ruhen kann.  Kaum war diese Zeremonie zu Ende und unsere Gruppe im Auflösen begriffen, begegneten wir etlichen Straßenkinder, die uns entgegen kamen. Mir zerriss es das Herz, und ich musste in diesem Moment besonders stark an Henning Mankell’s „Nelio“ denken (Straßenkind aus dem „Chronist der Winde“). Nelio verfolgt mich täglich, und an jenem Tag ganz besonders, da ich beim langen Rückweg die im Buch beschriebenen Grabhäuser aus der Kolonialzeit sah: Familiengräber, die den Obdachlosen und den Straßenkinder nachts als Unterkunft dienen. Die Särge mit den einbalsamierten Leichen stehen seit Jahrzehnten auf einem Gestell in den verwitterten und verwüsteten Grabhäuser. Die Grabtüren sind meist nicht mehr vorhanden. Straßenkinder richten auf den Gestellen direkt unter oder über den Särgen ihr Nachtquartier ein.

Der Hauptfriedhof von Maputo ist riesig, Gräber wo das Auge reicht. Jeder noch so kleine Zwischenraum wird ausgenützt. Trotzdem vermag er nicht die zahlreichen täglichen Todesopfer aufzunehmen, sodass die umliegenden Häuser dem Friedhof weichen müssen. 70% der Toten sind an AIDS und Malaria gestorben. Diese letzte Ruhestätte für Christen, Muslime und Hindus ist aber auch eine sehr wichtige Einkommensquelle, vor allem für Straßenkinder. Sie verkaufen Blumenwasser an den Brunnen, tragen das Wasser zu den Gräbern, reinigen die Gräber und lockern die Erde auf, waschen und bewachen die Autos der Besucher vor dem Friedhof.

Straßenkinder sind in Maputo allgegenwärtig. Vor wenigen Tagen fuhr ich mit meiner Kollegin an einem Eisgeschäft vorbei, und ihre Tochter bat um ein Eis. Kaum blieb das Auto stehen, stand auch schon ein kleiner Bub vor dem Autofenster und streckte uns seine kleinen Händchen zum Betteln entgegen. Da musste ich gleich ins Eisgeschäft eilen. Als ich ihm kurz danach ein herrlich frisches Schokoladen-Eis überreichte, strahlte er über das ganze Gesicht. Er winkte uns eisschleckend zu als wir mit dem Auto wegfuhren. Jedoch noch bevor wir um die Ecke verschwanden, musste ich mit ansehen, wie etliche andere Straßenkinder auf den Jungen zurannten und ihm das Eis entrissen…. nächstes Mal werde ich wohl eine 5 Liter Box kaufen…

Maputo: 70% der Einwohner sterben an den Folgen von AIDS und Malaria

Maputo: 70% der Einwohner sterben an den Folgen von AIDS und Malaria

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Erste Eindrücke aus Maputo

23. März 2009

Es freut mich, heute über die ersten Eindrücke meines 2. Einsatzes mit Ärzte ohne Grenzen (MSF) zu berichten. Ich bin Administration & Human Resources Coordinator für die HIV-Projekte der Schweizer MSF-Sektion in Mosambik. Mein Arbeitsort ist die Hauptstadt Maputo, von hier werden die Projekte in der Provinz Niassa sowie in Maputo selbst koordiniert.

Seit meiner Ankunft in Maputo sind schon 3 Wochen vergangen. Für diesen Einsatz bin ich aber schon seit 1. Februar unterwegs. Mosambik war eine Kolonie Portugals, weshalb die offizielle Amtssprache portugiesisch ist. Ich habe zwar ein gutes Grundwissen  lateinischer Sprachen, doch portugiesisch sprach ich bis Februar 2009 nie. MSF offerierte mir einen 2 ½ wöchigen Intensiv-Kurs in Lissabon, welcher mir eine unglaublich gute Basis der Sprache gab. Nach 6 Einzelstunden pro Tag und 1-2 Stunden Hausaufgaben, hatte mein Hirn zwar keine Kapazität mehr Vokabeln zu studieren, aber das kommt jetzt im täglichen Leben hier von alleine. Leider verstand ich die Portugiesen sehr schlecht, da sie extrem schnell sprechen und ein regelrechter Krieg der Buchstaben besteht: die schwachen Buchstaben werden von den starken vernichtet, und somit werden die Wörter nur zur Hälfte ausgesprochen. Zwischendurch plagten mich große Zweifel, dass ich die Sprache wohl nie beherrschen würde. Wie sollte ich meinen Einsatz in Mosambik meistern? Zu meinem Glück erfuhr ich, dass die Mozamikaner viel langsamer und deutlicher sprechen als die Portugiesen. Das kann ich mittlerweile bestätigen. Es liegt auch in der Natur und Mentalität der Menschen. Uff, ich konnte also wieder beruhigter schlafen.

Nach dem Aufenthalt in Lissabon ging es nach Genf. Dort erhielt ich im Hauptsitz 3 Tage lang ein detailliertes Briefing über das Projekt und meinen konkreten Aufgaben. Anschließend an das Briefing fand eine 1-wöchige Human Resources Management Ausbildung in Cartigny statt, an welcher ich ebenfalls teilnahm. Ich bin MSF sehr dankbar für alle diese wichtigen Vorbereitungen. Ich habe sehr viel gelernt und bin für den neuen Einsatz sehr gut gerüstet.

Aber nun zu Mosambik:  Das Land gehört zu den ärmsten Ländern der Welt (Platz 172 von 177 gemäss Human Development Index 2007. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 42 Jahren, die offizielle HIV-positiv Rate liegt bei 16% (15-49 Jährige). In bestimmten Regionen – wie Maputo – liegt sie bei erschreckenden 25%! D.h. jeder 4. Einwohner Maputos ist HIV positiv! Diese Zahlen sind erschütternd und schockierend. Zu diesem Elend kommt noch dazu, dass das Land regelmäßig von Katastrophen wie Überschwemmungen und Cholera Ausbrüchen eingeholt wird. MSF begann seine Aktivitäten in Mosambik im 1984, mitten im Bürgerkrieg, welcher von 1975 bis 1992 andauerte. Damals agierte MSF vor allem im Kampf gegen Hunger, Malaria, Cholera, Mangelernährung und lieferte Basis Gesundheitsversorgung. Heute noch hat 50% der Bevölkerung keinen Zugang zu Gesundheitszentren! Die Schweizer Sektion ist seit 2000 im Land tätig. Die Priorität liegt im HIV/TB Bereich, und im Kampf gegen Katastrophen wie Cholera und Überschwemmungen.

Der Unterschied zwischen Arm und Reich ist in Maputo extrem spürbar und sichtbar. Der Reichtum konzentriert sich eindeutig in der Hauptstadt und die Gegensätze prallen stark aufeinander. Ich war sehr überrascht, gut erhaltene asphaltierte Strassen anzutreffen, grüne Alleen, teure Autos, Shopping Centers, Kinos, Restaurants. Wobei ich außer unserem Wohn- und Arbeitsbezirk noch nicht viel von der Stadt gesehen habe. Auf der anderen Seite verfolgen mich täglich die Augen ausgehungerter Straßenkinder.  Bettelnde Hände, Invalide und Obdachlose die im Müll nach Nahrung suchen und Nachts in Kartonschachteln in Hauseingängen quartieren,  prägen das tägliche Stadtbild.

Trotz der Armut sind die Mosambikaner ein fröhliches und sehr zuvorkommendes Volk.
Sie lieben das Leben. Besonders von Freitag bis Sonntag wird intensiv gefeiert. Aus den Autos und Wohnungen dröhnt Musik, dass die Scheiben zu brechen drohen und die Wände zittern. Sofern vorhanden, werden Boxen und Verstärker vor die Haustüren auf die Strassen gestellt, und die ganze Nacht durch läuft Musik in voller Lautstärke in der ganzen Stadt. Der Freitag ist für die Mosambikaner (Betonung auf das männliche Wesen ;-) der wichtigste Tag der Woche: Ausgehtag, und das nicht mit der Frau, sondern mit der Freundin…

Es ist Sonntag Vormittag, ich sitze in meinem Zimmer und durch den riesigen Ficusbaum vor meinem Fenster dröhnen Tracy Chapman Songs gemischt mit Gottesdienst-Gesängen, Afrikanischem Funk und mit dem Muezzin Aufruf zum Gebet in das Zimmer. Diese Geräuschkulisse ist einfach fantastisch. Die Nächte sind nicht viel anders. Auch dieses Wochenende hatte ich das Gefühl, mein Bett liege unter der Diskokugel mitten auf einer Tanzfläche. In der westlichen Welt wäre dies undenkbar. Trotzdem komme ich nicht um meine Schlafruhe. Diejenigen, die mich kennen wissen, dass ich einen gesegneten Schlaf habe, und ich bei jedem Lärm ungestört schlafen kann :)

Mein drittes Wochenende in Mozambique geht schon zur Neige. Ich freue mich auf die neue Woche, und bin gespannt welche Überraschungen sie bringen wird. Noch bin ich ziemlich überfordert was meine Arbeit anbelangt. Täglich kommen neue Probleme hinzu. Meine „To Do“-Liste hat schon eine erschreckende Länge erreicht und ich frage mich, wann ich beginnen kann, die Dinge abzuarbeiten. Es war mir in den ersten 3 Wochen auch nicht möglich, die Komplexität der Behördengänge zu verstehen. Das kann von Tag zu Tag nur besser werden. Als Wochenendlektüre habe ich mir das neue Arbeitsrecht vorgenommen. Wir haben ein Problem mit einem Mitarbeiter, und müssen rasch möglichst einen Entscheid treffen. Ich musste leider feststellen, dass das Arbeitsrecht extrem generell und unkonkret beschrieben ist. Ich werde wohl trotzdem unseren Rechtsanwalt konsultieren müssen. Hinzu kommt, dass unser Express-Kurierdienst letzten Freitag eine Sendung verlegt hat. Leider ist es nicht einfach eine Sendung, sondern es handelt sich um wichtige Dokumente, welche wir dringend benötigen, um ein Visum fuer eine Mitarbeiterin zu beantragen. Ich werde morgen früh zu erster Stunde persönlich im Büro des Kurierdienstes erscheinen müssen (denn Wochenend-Dienst gibt es hier keinen…). Somit wird die neue Woche beginnen, wie die letzte aufgehört hat…

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Mein Arbeitsplatz

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