Einsatz in Mosambik
Eindrücke aus Maputo
 

Leben und Tod

11. April 2009

Vor einigen Tagen hatten wir unter unseren Mitarbeitern leider einen Todesfall zu beklagen. Die allgemeinen Beerdigungskosten sind sehr hoch und für Angehörige jeweils eine schwere finanzielle Belastung. Als Arbeitgeber beteiligt sich Ärzte ohne Grenzen maßgebend an den hohen Kosten, und das musste den Familienmitgliedern mitgeteilt werden. Aus diesem Grund fuhr ich mit zwei Kollegen zur Familie. Da habe ich das andere Maputo kennengelernt.

Unsere Mitarbeiterin lebte mit ihren Kindern in einer Blechhütte in einem Armenviertel Maputos. Der Weg dorthin führte abseits der gut asphaltierten Strassen durch ein Labyrinth von Pisten, die von Blechhütten gesäumt sind. Die Bewohner des Viertels waren sehr hilfreich, wir mussten dauernd nach dem Weg fragen. Sie lotsten uns durch die wirren durchlöcherten Wege, und endlich fanden wir die Hütte. Nach mehrmaligem Klopfen und Rufen erfuhren wir von den Nachbarn, dass ihre Kinder bei den Geschwistern der Verstorbenen waren, einige Blocks weiter entfernt. Also ging es weiter mit Fragen, die Wege überfüllt mit Kindern, die uns verfolgten und sichtlich Freude am MSF-Auto hatten. Wir wurden vom ältesten Sohn und von den Brüdern der Verstorbenen empfangen und ins Haus gebeten. Die Frauen waren in einem anderen Raum und waren zu früher Stunde schon mit Kochen beschäftigt, denn die im ganzen Land verstreuten Verwandten waren schon im Anreisen.. Es ist nicht unbedingt der älteste Sohn, der die Geldangelegenheiten regelt. Die engsten Familienmitgliedern entscheiden, wer das Geld empfangen und verwalten soll.

Zwei Tage später fand die Beerdigung statt. Am Eingang des Hauptfriedhofes versammelten sich an die 200 Personen. Unter brütender Sonne wurden Klagelieder gesungen und gebetet, bis die Zeremonienmeisterin kam. Die Trauerprozession setzte sich betend in Gang und zog über die schmalen, erdigen Wege entlang bis ans andere Ende des Friedhofes, wo die Gräber nur mit einem Kreuz und einer Nummer gekennzeichnet sind. Es fanden mehrere Beerdigungen gleichzeitig statt. Wir mussten anderen riesigen Trauerzügen weichen, sodass es auf den engen Wegen fast unmöglich war, nicht über andere Gräber zu gehen. Die Gesänge und Gebete vermischten sich derart untereinander, dass ich manchmal nicht mehr wusste, welcher Trauerprozession ich angehörte.

Am Ende der Zeremonie wurde das Grab mit Erde zugeschüttet. Blumen werden nicht ins Grab geworfen, sondern erst nach dem Zuschütten direkt auf das Grab gesteckt. So entstand ein wunderschönes buntes Blumenbeet. Ich wurde von einem Herrn darauf hingewiesen, die Schlaufen und Maschen unseres Kranzes zu zerreißen. Ich tat dies sogleich, ohne den Grund zu kennen. Danach erst bekam ich die Erklärung: die Straßenkinder stehlen die Kränze und verkaufen sie weiter. Durch die zerrissenen Schlaufen erkennt man, dass der Kranz nicht frisch ist. Als die letzte Blume auf dem Grab steckte, wurde das Beet mit Wasser besprüht. Danach wurde jedem Trauergast aus einem Kanister Wasser auf die Hände gegossen. Durch diese Reinigung wird verhindert, dass die Seele der Verstorbenen durch die Menschen aus dem Friedhof hinausgetragen wird, und dafür gesorgt, dass der Verstorbene in Frieden ruhen kann.  Kaum war diese Zeremonie zu Ende und unsere Gruppe im Auflösen begriffen, begegneten wir etlichen Straßenkinder, die uns entgegen kamen. Mir zerriss es das Herz, und ich musste in diesem Moment besonders stark an Henning Mankell’s „Nelio“ denken (Straßenkind aus dem „Chronist der Winde“). Nelio verfolgt mich täglich, und an jenem Tag ganz besonders, da ich beim langen Rückweg die im Buch beschriebenen Grabhäuser aus der Kolonialzeit sah: Familiengräber, die den Obdachlosen und den Straßenkinder nachts als Unterkunft dienen. Die Särge mit den einbalsamierten Leichen stehen seit Jahrzehnten auf einem Gestell in den verwitterten und verwüsteten Grabhäuser. Die Grabtüren sind meist nicht mehr vorhanden. Straßenkinder richten auf den Gestellen direkt unter oder über den Särgen ihr Nachtquartier ein.

Der Hauptfriedhof von Maputo ist riesig, Gräber wo das Auge reicht. Jeder noch so kleine Zwischenraum wird ausgenützt. Trotzdem vermag er nicht die zahlreichen täglichen Todesopfer aufzunehmen, sodass die umliegenden Häuser dem Friedhof weichen müssen. 70% der Toten sind an AIDS und Malaria gestorben. Diese letzte Ruhestätte für Christen, Muslime und Hindus ist aber auch eine sehr wichtige Einkommensquelle, vor allem für Straßenkinder. Sie verkaufen Blumenwasser an den Brunnen, tragen das Wasser zu den Gräbern, reinigen die Gräber und lockern die Erde auf, waschen und bewachen die Autos der Besucher vor dem Friedhof.

Straßenkinder sind in Maputo allgegenwärtig. Vor wenigen Tagen fuhr ich mit meiner Kollegin an einem Eisgeschäft vorbei, und ihre Tochter bat um ein Eis. Kaum blieb das Auto stehen, stand auch schon ein kleiner Bub vor dem Autofenster und streckte uns seine kleinen Händchen zum Betteln entgegen. Da musste ich gleich ins Eisgeschäft eilen. Als ich ihm kurz danach ein herrlich frisches Schokoladen-Eis überreichte, strahlte er über das ganze Gesicht. Er winkte uns eisschleckend zu als wir mit dem Auto wegfuhren. Jedoch noch bevor wir um die Ecke verschwanden, musste ich mit ansehen, wie etliche andere Straßenkinder auf den Jungen zurannten und ihm das Eis entrissen…. nächstes Mal werde ich wohl eine 5 Liter Box kaufen…

Maputo: 70% der Einwohner sterben an den Folgen von AIDS und Malaria

Maputo: 70% der Einwohner sterben an den Folgen von AIDS und Malaria

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Ein Kommentar

  1. Alena

    Ein sehr berührender Artikel!
    Danke dass du dir soviel Mühe machst, um uns an deinem Einsatz teilhaben zu lassen!
    Abrazo,
    Alenita

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