Hoffnung in Lichinga
Kurz vor meinem Urlaub habe ich unser Projekt in Lichinga besucht. Lichinga ist eine kleine Stadt im Norden des Landes, in der Provinz Niassa. Diese afrikanische Provinz-Stadt liegt 2500 km von der Hauptstadt Maputo entfernt (per Auto in 3 Tagen erreichbar, per Flieger in 3 Stunden..). Sie liegt auf 1300 Meter über Meer an der Grenze zu Malawi, am Niassa See.
Die Administrative Abteilung des Koordinationsteams hat das Projekt in Lichinga im September 2008 das letzte Mal besucht, was sehr lange her ist. Es war mir nicht möglich, in einer Woche alle geplanten Themen zu bearbeiten. Ich hatte etliche kurzfristig angesagte Einzelgespräche mit Mitarbeitern, sowie auch offene Fragen, die seit Monaten unbeantwortet blieben und behandelt werden mussten. In den letzten 9 Monaten hatte sich einiges angestaut. Es war mir deshalb sehr wichtig, für die Mitarbeiter Zeit zu nehmen und mir die Anliegen anzuhören.
Ich habe u.a. kurzfristig ein Meeting mit allen Wächtern einberufen, denn ich erfuhr vor Ort, dass die Wächter seit einiger Zeit beanstandeten, sie würden zu viele Stunden arbeiten und demnach Anrecht auf mehr Gehalt haben. Das hieß, schnell das Mozambikanische Arbeitsrecht genau zu konsultieren, unsere Rahmenbedingungen mit anderen NGOs zu vergleichen, und Rücksprache mit dem Anwalt zu halten, um die rechtlichen Rahmenbedingungen zu klären und die richtige Position bei den Mitarbeitern einnehmen zu können. Alle diese Vorbereitungen kosteten viel Zeit. Ich weiß heute schon, dass ich am Ende meines Einsatzes das Mozambikanische Arbeitsrecht besser kennen werde als das Österreichische oder Schweizerische ;-)
Ich lernte endlich unseren Assistenten Pascoal persönlich kennen und konnte intensiv mit ihm arbeiten. Auch die interne „Medical Policy“ für die nationalen Mitarbeiter konnte dem Team vorgestellt werden (ja, der Vertrag mit dem HCM ist unterschrieben :) )
Auf jeden Fall werde ich bei meinem nächsten Besuch einen Tag für Einzelgespräche der Mitarbeiter einplanen.
Den Freitag Vormittag hatte ich mir reserviert, die Projekte zu besuchen. Anschließend hatte ich die Gelegenheit, mit der italienischen Ärztin Vittoria den kleinen Curai zu besuchen. Curai ist ein 12jähriger Bub, der bei seiner Geburt mit HIV infiziert wurde. Beide Eltern sind an AIDS gestorben. Er hat noch 2 ältere Brüder mit Familien, die aber leider nicht mehr an sein Überleben glauben. Sein junges Leben haengt zu lange schon an einem sehr dünnen Faden.
Unsere Kollegen bemühen sich aus diesem Grund ganz besonders um den Bub, der ihnen ans sehr Herz gewachsen ist. Jeden Tag schaut jemand bei ihm vorbei, entweder einer der Ärzte, ein „Expert Patient“, die Programmleiterin oder ein Krankenpfleger. Vittoria nahm mich dieses Mal mit. Davor kauften wir noch einige Yoghurts für ihn. Curai lebt in einem Außenquartier des Städtchens. Als wir zu Mittag dort ankamen, war nur die Haushälterin da und bereitete das Mittagessen über einem Feuer vor dem Haus vor. Der kleine Curai lag in einem dunklen Raum im Haus, im Bett. Vittoria ging vor und bat ihn, sich etwas anzuziehen, denn es wäre Besuch da. Er war Haut und Knochen, ich erschrak sehr. Es kostete ihn viel Kraft sich im Bett aufzurichten. Vittoria fragte nach seinem Wohlbefinden. Ob ihm der Magen noch schmerze, ob er die Medikamente auch einnehme. Nach Abtasten des Magens stellte sie fest, dass er ein bisschen weniger Magenschmerzen hätte, was er bejahte. Wir baten ihn, doch mit uns für einen kleinen Moment an die Sonne nach draußen zu kommen, nur einen kleinen Moment, doch leider erfolglos. Ein paar wenige Worte über die Lippen zu bringen, kosteten ihn all seine Energien. Seine Stimme war so schwach, dass ich ihn nicht verstehen konnte. Die Besuche der MSF Kollegen sind fuer Curai lebenswichtig, es sind die einzigen Kontakte zur Aussenwelt.
Wir konnten ihn trotzdem ein wenig aufmuntern, indem wir ihm erklärten, dass ich extra wegen ihm nach Lichinga gekommen sei. Denn jeder, der Lichinga besuche, spricht vom berühmten Curai. Er wäre im ganzen Land bekannt und deshalb war ich hier, um ihn auch persönlich kennen zu lernen. Diese Geschichte hat ein Wunder mit sich gebracht, ein schwaches Lächeln erstrahlte für einen kurzen Moment sein Gesicht.. und die Hoffnung lebt weiter..



