Karamoja Log
Als Logistiker in Uganda

Archiv für Januar, 2009

Renovierungsarbeiten im Krankenhaus

Januar 26, 2009 | admin

Unser Ernährungsprojekt in Karamoja läuft sehr gut und Ärzte ohne Grenzen hat sich für dieses Projekt spezielle Ziele gesetzt: Anfang Februar 2008 wurde eine Ernährungsstudie in Karamoja gemacht, um herauszufinden, wie der Ernährungszustand der Kinder hier ist.  Man fand heraus, dass die GAM (Global Acute Malnutrition Rate) bei 15,1% der gesamten Bevölkerung liegt – das heißt, dass 15,1% von allen untersuchten Kindern beim MUAC-Test gelb oder rot abschnitten.  Der MUAC-Test wird mit einem speziellen Armband durchgeführt, das den Oberarmumfang bei Kindern zwischen 1 und 5 Jahren misst. Das MUAC Band hat einen grünen, einen gelben und einen roten Bereich. Der grüne Bereich geht von 21cm bis 12,5cm Oberarmumfang. Der gelbe Bereich von 12,5cm bis 11cm und der rote Bereich liegt unter 11cm. Wenn Kinder im gruenen Bereich sind, spricht man von ausreichendem Ernährungszustand. Im gelben Bereich sind die Kinder moderat unterernährt, und im roten Bereich spricht man von akuter Mangelernährung. Der Oberarm eines Kindes im roten Bereich entspricht etwa dem Umfang des Inneren einer kleinen Tixo-Rolle.

Wenn Kinder im roten Bereich sind, muss man sofort reagieren. Das Immun-System dieser Kinder ist meist völlig geschwächt und die Kinder laufen Gefahr, zusätzlich zur Unterernährung auch noch Krankheiten wie Malaria, Diarrhoe, Tuberkulose oder ähnliches zu bekommen. Diese Kinder werden in den Dörfern von dem sogenannten ATFC (Ambulantes therapeutisches Eranährungszentrum)-Team identifziert und mitsamt ihren Müttern ins ITFC (Stationäres Therapeutisches Eranährungszentrum) zur Behandlung gebracht.
Dort werden die Kinder speziell ernährt und solange behandelt, bis sie den Kriterien zur Entlassung aus dem ITFC entsprechen. Danach können die Mütter sie wieder nach Hause bringen.

Kinder, die nicht extrem unterernährt und zum Beispiel im gelben oder grünen Bereich des MUAC-Bandes sind, werden in ihren Dörfern mit spezieller Nahrung für eine Woche versorgt.

Wir hatten in der Zeit von Anfang Juli 2008 bis Ende Jänner 2009 in den beiden Projekt-Standorten, Tokora und Matany, ca. 12900 Kinder in Behandlung. Ärzte ohne Grenzen betreute in Karamoja 24 Dörfer und lieferte ca. 1800 akut unterernaehrte Kinder in unsere ITFC-Klinik in Tokora zur Behandlung ein.

Es gibt auch einige ganz “spezielle” Patienten darunter, die ich bestimmt in Erinnerung behalten werde. So waren zum Beispiel Zwillinge bei uns in Behandlung, die in sehr schlechtem Zustand zu uns kamen. Sie wurden gegen Unterernährung und Malaria behandelt und einer der beiden sprach auch sehr gut auf die Behandlung an. Der andere hatte ständig Fieberschübe und wollte nicht auf die Behandlung ansprechen. Der Ernährungszustand besserte sich kaum und unsere Ärztin hatte echt alle Hände voll zu tun, das Problem in den Griff zu bekommen. Beide wurden entlassen nachdem der Schwächere am Ende auf Tuberkulose behandelt wurde und das Fieber verschwand.

Auf jeden Fall waren die beiden echt süss und unglaublich aufmerksam. Manchmal nehmen schwer unterernährte Kinder ihre Umgebung kaum wahr, weil ihr körperlicher Zustand so schlecht ist. Diese beiden aber verfolgten ständig alles was in der Basis passierte. Ob nun unser ATFC-Team aus einem der Dörfer zurückkam, oder das Logistik-Team etwas an den Gebäuden renovierte, man konnte sich den wachsamen Augen der beiden kaum entziehen.

Mit Ende Jänner haben wir es geschafft, die GAM-Rate von 15,1% auf 8,4% zu senken. Das Ziel war unter 10% zu kommen. Die akute Unterernährung wurde von 2,2% auf 1,9% gesenkt.

Somit sind für Ärzte ohne Grenzen ausreichende Kriterien erfüllt, um über eine Übergabe des Projektes ans staatliche Gesundheitsministerium nachzudenken.

Im Moment übergeben wir ein Dorf nach dem anderen an staatliche Strukturen, die unser Programm dann weiterführen werden. Unser Ernährungszentrum (ITFC) soll mit Mitte Februar an das Krankenhaus, in dessen Areal wir uns hier befinden, übergeben werden.

Kleine Patientin des stationären Ernährungsprogramms

Da komme ich als Logistiker dann wieder voll ins Spiel. Wir haben zusammen die Räumlichkeiten definiert, in denen das ITFC dann weitergeführt werden soll. Es ist die jetzige Kinderabteilung des Krankenhauses, die dafür aber speziell adaptiert werden muss. Um zu sehen, was alles gemacht werden muss bevor wir übergeben können, machte ich mich zusammen mit unserem neuen Arzt, Jonathan, auf um das ganze zu begutachten.

Als wir in den Kinderbereich kamen, war es erstmal ein Schock für uns Beide. Der Raum besteht aus 16 Betten, in denen zur Malaria-Zeit zwischen 50 und 60 Kinder betreut werden. Die Kinder schlafen dann einfach quer über die Betten; zusammengepfercht. Die Wände sind farblos, die Decke des Raumes völlig durchlöchert, einige der Fenster zerborsten, keinerlei Insektengitter oder Mosquito-Netze (beides völlig unverzichtbar in der Malaria-Saison), kein funktionierendes Licht, die Matratzen auf den Betten durchlöchert und schmutzig, keine Bettwäsche oder Decken.

Renovierungsbedarf auf der Kinderstation

Renovierungsbedarf im Krankenhaus

Renovierungsbedarf auf der Kinderstation

Mir kam es fast vor, als wäre es unmöglich, hier ein funktionierendes Krankenhaus zu betreiben; und doch schaffen es die Krankenschwestern vor Ort auch unter schwierigsten Bedingungen, ihre Patienten  zu versorgen. In dem Hospital werden auch sehr komplizierte Krankheiten wie etwa Tuberkulose, oder etwa auch sehr schwere Verletzungen behandelt. Dies alles kann auch mit einfachsten Mitteln funktionieren.

Für Jonathan und mich war sofort klar, dass da einiges an Arbeit auf uns zu kommt. Wir gingen also durch die Räume und schrieben alles auf, was wir verbessern wollten. Die fertige, und seeehr lange Liste gingen wir dann mit den restlichen Teammitgliedern durch um sicher zu gehen, dass wir auch nichts vergessen hatten.

So weit so gut – ich werde die Liste nun ans Koordinationsteam in Kampala schicken und drauf warten, dass sie uns von dort grünes Licht (und vor allem Budget) geben, um los zu legen.

In der Zwischenzeit werde ich vom Büro ins Guesthouse gehen und erstmal was Essen und mich etwas ausruhen. Heute war wieder ein anstrengender Tag, aber davon berichte ich das nächste Mal :-)

Paka taparach
(“bis bald”)

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Weihnacht – Neujahr

Januar 23, 2009 | vpelzmann

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr war recht interessant. Mein erstes Weihnachten in Afrika und dann noch in einer so speziellen Kultur wie die der Karamojong. Die meisten Menschen in Karamoja sind streng katholisch und verwenden viel Zeit dafür, in die Kirche zu gehn und zu beten.

Für mich waren die Weihnachtsfeiertage diesmal eher Erholung und Ruhe. Ist schon interessant, dass man anscheinend nach Afrika fahren muss, um die Weihnachtsfeiertage ruhig und besinnlich angehen zu können… Jeanette, unsere Ärztin, war gerade auf Urlaub und machte ein Trekking zur ruandischen Grenze um dort Berggorillas in freier Wildbahn zu erleben. Sheikh, der Teamleader, und ich verbrachten die Weihnachtsfeiertage zusammen mit dem zweiten Team unseres Projektes aus dem nördlich von uns gelegen Matany. Es war sehr nett; wir haben zusammen gegessen, etwas Wein genossen, auf Weihnachten in Afrika und unsere Lieben zu Hause angestoßen.

Weihnachtsessen mit dem Team

Weihnachtsessen mit dem Team

Zu Silvester waren Sheikh und ich allein; das zweite Team fuhr zurück nach Matany.
Den Sprung ins neue Jahr erlebte ich ganz schön aufregend. Ich war bereits am Schlafen, als ich um kurz vor zwölf am 31. Dezember wach wurde. Es war Riesenlärm und ich sprang in meine Kleider um nachzusehen was da los war. In meinem Kopf stiegen Bilder von Warriors auf, die unseren Compound überfallen wollen. Unser Guard, Simon Peter, rief ständig irgendwas auf Karamojong, ich hörte lautes Schlagen und als ich endlich in meine Sachen und aus dem Haus kam, fand ich ihn tanzend und rufend vor unserem Haus. Er lachte und erklärte ich bräuchte mir keine Sorgen zu machen. Alles sei OK. Die Karamojong feiern den Sprung ins neue Jahr einfach etwas wilder als wir und was immer sie an Gegenständen finden, wird als Trommel oder Krachmacher benutzt. Nach einiger Zeit beruhigte ich mich wieder und ging zurück ins Haus. Geschichten von mindestens 20 Toten pro Jahr über die Weihnachtsfeiertage verblassten. Noch im Vorjahr war es undenkbar über die Feiertage das Haus zu verlassen nachdem es dunkel war. Leute wurde ausgeraubt und noch schlimmeres, wenn sie nicht sofort alles Hab und Gut aufgaben. Auf jeden Fall war es mal etwas völlig anderes für mich. Aufregung pur, manchmal echte Angst, vermischt mit ständig wachsendem Interesse an der Kultur und Lebensweise der Leute hier.

Unser Projekt läuft sehr gut. Das Team, das das ambulante Ernährungsprogramm betreibt, fährt ständig die umliegenden Dörfer an, um die Patienten dort zu versorgen bzw. schwer Unterernährte in das stationäre Ernährungszentrum (ITFC) in unserere Basis zu bringen.

Ambulantes Ernährungsprogramm

Ambulantes Ernährungsprogramm

Im stationären Ernährungszentrum gibt es zur Zeit ca. 10 Kinder, die intern versorgt werden. Es sind Kinder, die entweder sehr stark unterernährt sind, oder zusätzlich zur Unterernährung noch Krankheiten haben. Tuberkulose, Malaria, HIV/Aids oder Dehydration sind nur einige davon.

Anfang Jänner hatten wir auch ne kleine Impfkampagne hier im ITFC. Wir hatten Hepatitis-B Impfstoffe aus Kampala bekommen, die für unsere lokalen Mitarbeiter gedacht sind. Als Logistiker war ich nun voll im Geschäft und konnte ne kleine ColdChain einrichten, um den Impfstoff davor zu bewahren, zu warm zu werden. Im Regelfall werden die Impfstoffe zusammen mit gefrorenen Kühl-Akkus in speziell isolierte Boxen gepackt und aus diesen Boxen heraus verabreicht.

Impfkampagne

Hepatitis-Impfkampagne

War schon ganz witzig Menschen zu sehen, die noch nie geimpft wurden. Einige unserer Guards, komischerweise diejenigen, die sonst am härtesten wirkten, kamen zu mir und wollten wissen wie sehr es denn schmerzen werde, mit diesen langen Nadeln in den Oberarm gestochen zu werden. Ich konnt’s mir natürlich nicht verkneifen ihnen zu sagen, dass ich mich nicht daran erinnern kann, weil bei uns speziell dieser Impfstoff Kleinkindern verabreicht wird um ihnen die Möglichkeit zu geben, diese unerträglichen Schmerzen bis ins Erwachsenenalter wieder zu vergessen. Sie sprangen voll darauf an und ich hatte alle Hände voll zu tun, mich irgendwie unter Kontrolle zu halten, nicht loszulachen.
Im Endeffekt ging alles gut, kein Wehklagen der Anwesenden, allenfalls vor Lachen stöhnende Zuseher und nach 2 Stunden war der ganze Spuk auch wieder vorbei.

Für mich ist nun Feierabend und ich hau ab ins Guesthouse. In Uganda sagt man “Let’s call it a Day and we shall meet tomorrow”

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